Infrastruktur statt Internet

Sich hinzustellen und öffentlich zu verlautbaren: „Die Geheimdienste haben mir mein Spielzeug weggenommen und jetzt bin ich aber gekränkt!“ und dann daraus die Schlussfolgerung zu ziehen: „Wir alle müssen wieder eine positive und optimistische Internet-Narration entwickeln“ zeugt vor allem von intellektuellem Handicap, narzistischer Befindlichkeit und einer Stier-Thematik, wonach man’s in den wesentlichen Dingen gerne doch bald wieder „hübsch“, „nett“ und „harmonisch“ haben möchte. Darauf hat Evgeny Morozov [http://de.wikipedia.org/wiki/Evgeny_Morozov], brightest kid on the block currently, in seiner Replik, seinem Response auf Sascha Lobo [https://duskofdigital.wordpress.com/2014/01/20/der-paradigmenwechsel/] in der online-Debatte auf faz.net vom 14./15. Januar 2014 hingewiesen.

Englischer Text hier:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/evgeny-morozov-s-response-to-sascha-lobo-more-political-interference-12752837.html

Deutsche Übersetzung hier:
http://www.faz.net/aktuell/morozov-antwortet-lobo-wir-brauchen-einen-neuen-glauben-an-die-politik-12752129.html

Insbesondere relevant ist bei Morozov die Erkenntnis einer Desillusionierung, bei der es schließlich zu einem Paradigmenwechsel kommt. Morozov erkennt beim „Internet“ und dem daraus entstandenen „Internetzentrismus“ einen ideologischen Kampfbegriff – ähnlich dem Marktbegriff der Neoliberalen -, der „Internet“ als „fixes, kohärentes Medium begreift“.

Entschieden landet Morozov beim Infrastrukturbegriff, wenn er schreibt: „In gewisser Weise war die Entscheidung, zwei Jahrzehnte lang über das „Internet“ zu debattieren, zugleich eine Entscheidung, nicht über andere wichtige Dinge zu sprechen, von der Notwendigkeit, eine öffentliche Infrastruktur für das Informationsmanagement aufzubauen, bis hin zur Entwicklung digitaler Identitätssysteme, die nicht an soziale Netzwerke gebunden sind.“

Zentral für Morozov „ist die Entwicklung einer neuen Wirtschaftspolitik, die Milliarden in eine öffentliche Informationsinfrastruktur investierte. Und wir wollen nicht, dass diese Infrastruktur von den gleichen Oligopolen gelenkt wird, diesmal nur mit europäischen Namen. Sie muss dezentral und öffentlich sein, mit Bürgern, die ihre eigenen Daten von Beginn an besitzen.“

Morozov zieht den Schluss: „Unsere dringendste Aufgabe heute ist nicht ein endgültiges Urteil darüber, ob das „Internet“ gut oder schlecht ist – das wäre eine absurde Übung. Vielmehr gilt es herauszufinden, was von unserer technologischen Infrastruktur – und dem Mangel an solch einer Infrastruktur – in einer Welt nach dem Internet zu halten ist.“

Es bedarf an dieser Stelle nur noch einer geringfügigen Bedeutungsverschiebung, um die Verbindung zum Infrastrukturbegriff von Thomas Grüter (siehe Buchveröffentlichung: “Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft”) zu ermöglichen. Denn es gilt herauszufinden, nicht was von unserer technologischen Infrastruktur – und dem Mangel an solch einer Infrastruktur – in einer Welt nach dem Internet zu halten ist, sondern ob sie noch zu halten ist.

Denn die Verengung des Blicks unter Vermeidung einer Anerkennung der materiellen, industriellen, logistischen und volkswirtschaftlichen Grundlagen der Datenspeicherung, Datenverarbeitung und Datenfernübertragung und dabei eng fokusiert auf den derzeitigen Demokratie-Gefährdungs-Diskurs schüttet letztlich das Netzwerk-Kind mit dem Bade aus. Dies ist die eigentliche Digitale Dämmerung. Es wird Zeit, diese Verbindung von Demokratiediskurs und Daten-Materialität als Synthese zu verwirklichen, ohne der Gefahr einer weiteren Ideologisierung – etwa der Versuchung, im Daten-Materialismus zu landen – zu erliegen.

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