Der Weckruf

Für die persönliche Einschätzung, ob wir bezüglich unserer Infrastruktureinrichtungen und Infrastrukturleistungen von auf Dauer gesicherten Verhältnissen mit einer extrem hohen Versorgungssicherheit ausgehen können oder nicht, sind eigene und erlebte Erfahrungen von unschätzbarem Wert.

So macht es dafür einen großen Unterschied, ob man beispielsweise das „Münsterländer Schneechaos“ vom 1. Adventswochenende 2005 [http://de.wikipedia.org/wiki/Münsterländer_Schneechaos] als selbst Betroffener erlebt und erlitten hatte, oder aber in der warmen, beleuchteten Stube als Medienereignis der TV-„Brennpunkte“, bei denen man so in Sachen Katastrophen-Berichterstattung eigentlich stets geneigt ist, an einen Pfadfinder-Einsatz zu denken.

Die Kontexte ändern sich, wenn man selbst in eine möglicherweise potentiell lebensbedrohliche Situation hineingeraten ist. Dann kippt das Urvertrauen in eine auf Dauer gesicherte technische Infrastruktur und der Nukleus ist gesetzt für weitergehende Erkenntnisse (und Publikationen) sowie für grundlegende Fragen zur Lebenssicherheit unserer technischen Zivilisation.

Auf diese Weise ist es nicht verwunderlich, dass das Münsterländer Schneechaos von 2005 und der dortige, mehrtägige Ausfall der Stromversorgung für den Münsteraner Thomas Grüter in seiner Buchveröffentlichung „Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft” eine grundlegende Bedeutung für das Infragestellen unserer dauerhaft gesichert erscheinenden, technischen Infrastruktur besitzt. Grüter schreibt (S. 139): „Menschen reagieren auf Probleme erst dann, wenn sie selbst betroffen sind oder wenn starke Gefühle angesprochen werden.“

Mir erschien von Potsdam aus dieses Münsterländer Schneechaos von 2005 in der Tat eher wie eine temporäre, regional begrenzte, weit entfernte Wetterkapriole, die die Grundlagen der europaweit vernetzten Stromversorgung mit redundanter Starkstromanbindung wohl nicht in der Lage ist, in Frage zu stellen. Mir schien es eher auch eine Kulturfrage zu sein: In Nordamerika sind Blizzards im Winter ein eher häufiges Phänomen und deren durch die Kontinentnahme kulturell bedingte, improvisierte Stromkabelverlegung lädt wohl auch mehr zum „Flicken“ in regelmäßiger Übung ein, denn unsere Kathedralen der weiträumigen Stromübergabe.

Mich erreichte die für die Erkenntnis so wichtige persönliche Betroffenheit und emotionale Ergriffenheit erst im Jahre 2011. Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass der ununterbrochene Nachschub mit Magnetfestplatten zur Speicherung von Daten durch ein, ebenfalls regional begrenztes, Ereignis maßgeblich unterbrochen wurde. Am 8. Oktober 2011 hatten Überflutungen das Nikom Rojna Industriegebiet in Thailand unter Wasser gesetzt, wo sich nicht nur jene Fabriken für Magnetfestplatten konzentrierten, die für rund 25 Prozent der damaligen weltweiten Herstellungskapazitäten sorgten, sondern auch eine Fabrik überschwemmt wurde (von insgesamt zwei Herstellern weltweit), welche die Minimotoren für die in Magnetfestplatten rotierenden, metallbeschichteten Glasplatten-Scheiben herstellen. [http://en.wikipedia.org/wiki/2011_Thailand_floods#Damages_to_industrial_estates_and_global_supply_shortages]

Auf drei Buchseiten (S. 60 – 62) schildert Grüter den Ablauf und die Auswirkungen der Überflutungen von 2011 in Thailand detailliert und macht dabei auf die Schattenseiten der „positiven Skaleneffekte“ aufmerksam, die letztlich den gesamten Industrialisierungsprozess bislang begleiten und deren Verlaufsform als Gesetzmäßigkeit beschrieben werden kann (S. 67).

Bei meinen Gesprächen mit Peter Burkowitz in Vorbereitung unseres Buchprojektes [http://www.beam-ebooks.de/ebook/30883] war er allerdings der Meinung, dass die Herstellungsprobleme bei den Magnetfestplatten letztlich den Technologiewechsel zu den Flash-Speichersystemen beschleunigen dürften – und in der Tat hat sich in 2013 etwa eine Halbierung des Speicherpreises pro Speichereinheit ergeben. Allerdings dürfte die Verengung der Speichertechnologie auf ein einziges Speicherprinzip nicht weniger problematisch sein – ein anderes Thema.

Was die Produktion, Bearbeitung und Speicherung von audio-visuellen Werken betrifft, waren die Überflutungen in Thailand im Jahr 2011 allerdings nicht das einzige Beispiel für den Ausfall an Nachschub mit technisch unabdingbaren Verbrauchsmaterialien.

Dem Tōhoku-Erdbeben vom 11. März 2011 um 14:46:23 Uhr Ortszeit [http://de.wikipedia.org/wiki/Tōhoku-Erdbeben_2011] haben wir nicht nur für Jahrhunderte die Beeinträchtigungen und Langwirkungen durch den Vierfach-GAU in Fukushima zu verdanken, einschließlich einer immer noch zunehmenden radioaktiven Gesamtverseuchung der Meere. – Erdbeben und anschließender Tsunami verwüsteten ganze Landstriche und sorgten für rund 16.000 direkt dadurch verursachte Tote und zirka eine halbe Million Flüchtlinge.

Demgegenüber erschien der Schaden durch Erdbeben und Tsunami an SONYs „Chemical & Information Device Tagajyo Fabrik“ in der Miyagi Präfektur (Sendai, Japan) eher gering. Für die Video-, Kinofilm- und Fernsehproduktion war deren Unfall allerdings ein größtmöglich anzusehender Ausfall. Keine Katastrophe zwar – aber ein professioneller Ernstfall. Nachträglich sollte sich dieses Unglück letztlich auch als das vorläufige Ende der proprietären Videoformate von SONY darstellen, die die Video- und Fernsehindustrie für rund 30 Jahre weltweit dominierten. Es verfestigte sich in der Branche der Eindruck, dass es nicht gut sei, sich an einen einzigen Hersteller eines proprietären technischen Verfahrens zu binden, der eine einzige Fabrik für eben dieses Verbrauchsmaterial betreibt.

Die Fachzeitschrift „Hollywood Reporter“ berichtete:

„The manufacturing of various tape formats has been affected by the tragedy. Two key formats are HDCAM SR, made exclusively by Sony and widely used in feature and episodic television production for varying uses including as camera masters and for dailies; and LTO, an even more widely used magnetic tape storage format that is made by manufacturers including Sony, Maxell and Fuji.

The manufacturing of HDCAM, DVCAM, Betacam SP, Digital Betacam, Betacam IMX, Betacam SX, XDCAM, SxS, Blu-ray, DV and HDV also has been affected, according to a source.“

[http://www.hollywoodreporter.com/news/industry-scrambling-japan-earthquake-tsunami-169456]

Durch den Ausfall bei den LTO-Datenbändern waren über die Video-, Kino- und TV-Industrie hinaus auch Daten-Backkups in Datenzentren auf Datenstream-Magnetbandkassetten im LTO-Format gefährdet, weil der Nachschub stockte. Fuji war als alternativer Anbieter ebenfalls von Erbeben und Tsunami betroffen. Dumm also, wenn alle Hersteller der Welt auf engstem Raum beisammen versammelt sind.

Einige Links zum Thema:
http://library.creativecow.net/kaufman_debra/magazine_HDCAM-SR-Tape-Shortage/1 http://www.wnyc.org/story/124303-quake-japan-causes-shortage-sony-tape-stock/ http://www.hollywoodreporter.com/news/sonys-hdcam-sr-tapes-resume-194890 http://www.sony.net/SonyInfo/News/Press/201104/11-0428E/index.html
http://www.laweekly.com/informer/2011/03/24/sony-hd-tape-shortage-caused-by-japans-tsunami-panics-california-and-ny-filmmakers http://www.mediadistributors.com/access/index.php?/site/sony/ http://www.wheresmymedia.com/latest-updates/hdcam-vs-cheeseburger-deluxe
http://www.tvtechnology.com/news/0110/supply-of-sony-videotape-is-running-low/208602
http://sportsvideo.org/main/blog/2011/10/sony-resumes-production-delivery-of-hdcam-sr-tape-in-japan/

Insgesamt wurde der Branche im Verlauf des Jahres 2011 klar, dass HDCAM-SR zwar als Videosystem hohe Betriebssicherheit und Audio- sowie Handhabungs-Komfort bei linearen Video-Inhalten wie TV, Spiel, Doku und Show bot, dass aber die Zukunft doch wohl eher bei non-linearen Festplattensystemen lag. Nochmals dummerweise zeigte sich dann aber im Herbst durch die in Thailand ausfallende Festplattenproduktion, dass die alternative Technik derzeit kaum oder zu horrenden Preisen lieferbar war. Dieser Umstand war in der Branche extrem ernüchternd und letztlich (für mich) schockierend: mein Weckruf.

Es blieb im Jahre 2011 allerdings nicht bei den beiden Ausfällen in Japan und in Thailand:

Im Londoner Bezirk Enfield brannte am 8. August 2011 das zentrale Auslieferungslager von SONY DADC in UK für in der Distribution befindliche Medienträger wie BluRay-Disks, DVDs und CDs ab. Grund waren die Unruhen in England in jenem Sommer, die von Tottenham aus auf Enfield übergriffen. [http://de.wikipedia.org/wiki/Unruhen_in_England_2011].

Was diesen Anschlag so bedenklich machte, war die Tatsache, dass neben den Medienprodukten aus dem Hause SONY auch die Mediengruppen EMI und UNIVERSAL betroffen waren sowie die größten Grossisten für unabhängige Musik-Labels in UK (Pias und Beggars Group), wie auch eine große Anzahl von unabhängigen Videolabels. Die positive Skalierungseffekte sind inzwischen nicht nur Teil der Produktion, sondern haben die Distribution voll im Griff, wie das Beispiel im Medienbereich zeigte. Passiert etwas Zerstörerisches zeigen die doch so segensreichen positiven Skalierungseffekte dann schnell desaströse Nebenwirkungen und werden schließlich zu negativen Skalierungseffekten.

Einige Links zum SONY Warehouse Fire am 8. August 2011:
http://www.theguardian.com/music/2011/aug/09/independent-record-labels-stock-london-riots http://www.reuters.com/article/video/idUSTRE7780P020110809?videoId=218112579 http://www.reuters.com/article/2011/08/09/us-sony-fire-uk-idUSTRE7780P020110809
http://s4.reutersmedia.net/resources/r/?m=02&d=20110809&t=2&i=475772450&w=&fh=&fw=&ll=700&pl=378&r=2011-08-09T120250Z_01_BTRE7780XGY00_RTROPTP_0_BRITAIN-RIOTS
http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8696255/UK-riots-independent-record-labels-could-fold-after-Sony-warehouse-fire.html
http://www.screendaily.com/london-riots-sony-remanufacturing-15m-discs-following-warehouse-fire/5030776.article
http://www.thelineofbestfit.com/news/latest-news/london-police-ordered-to-pay-damages-for-sonypias-warehouse-fire-137039
http://www.musicweek.com/news/read/sony-insurers-win-compensation-battle-against-met-police-for-2011-warehouse-fire/056049
http://artsbeat.blogs.nytimes.com/2011/08/09/record-labels-hit-hard-as-fire-set-by-london-rioters-destroys-warehouse/?_php=true&_type=blogs&_r=0 http://www.theguardian.com/music/2011/aug/11/pias-sony-warehouse-fire

Nun: Die Produktion von Magnetbändern wurde nach rund sechs Monaten wieder hochgefahren, Festplatten kehrten binnen zwei Jahren wieder auf ihr vorheriges Preisnieau zurück und jene Masterdateien, die wohl (hoffentlich) redundant gelagert wurden, konnten die replizierten Medienträger nach einiger Zeit wieder ersetzen. „Nochmals Glück gehabt“, sagt man wohl.

Mir zeigte das Jahr 2011 mit diesen drei Vorfällen jedenfalls, wie empfindlich unser sicher geglaubte Nachschub an Kulturträgern durch lokal oder regional begrenzte Ereignisse irgendwo da draußen in der Welt gestört werden kann. Für betroffene Firmen ohne eigenen Hausvorrat wurde damals die wirtschaftliche Situation schnell brenzlig. Am 12. August 2012 sagte ich zu Reto Kromer in Lausanne sinngemäß: Es wird nichts von uns übrig bleiben. – Analoges wird verfallen und das Wissen für einen Neuanfang verloren gehen, wie auch die analoge Medientechnik einst an eine industrielle Infrastruktur für Roh- und Betriebsstoffe gebunden war, die dann – wenn man Rückgreifen möchte – ebenfalls nicht mehr vorhanden sein wird. Und das Digitale: Festplatten, Magnetbänder und Medienträger sind – nach den Ereignissen in Japan, Thailand und UK von 2011 zu urteilen – leicht flüchtige Gegenstände im Materiellen.

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