„…dass Kinos gefährliche Orte geworden sind, in denen man verletzt werden kann.“

Nachdem im Juli 2012 ein Amokläufer in Colorado (USA) bei einer Batman-
Nachtpremiere zwölf Menschen erschossen und 58 verletzt hatte – als die Kinobesucher im Saal anfänglich noch dachten, an einer besonders gelungenen Stunt-Live-Einlage teilzunehmen –, kam letzte Woche die Meldung, dass in Tampa (Florida, USA) ein 71-jähriger Ex-Polizist einen 43 Jahre alten Mann im Kino erschossen habe, nachdem dieser auf seinem Smartphone während der Kinovorstellung eine SMS an seine Tochter verfasst haben soll, während also gleichzeitig ein Kriegsfilm dargeboten wurde.

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/usa-wegen-handy-kinobesucher-in-den-usa-erschossen/9330068.html

Gestern kam dann die Meldung, dass in Easton (Ohio, USA) der Träger einer Google-Glass-Brille mit entsprechenden zusätzlichen Gläsern und auf den Brillenträger (Person) eingestellten Dioptrin während der Vorstellung von Zollfahndern der Immigration and Customs Enforcement Department (ICE) als einer Unterbehörde von Homeland Security aus dem Kino geholt wurde und für einige Stunden behördlich verhört wurde. Mit einer Google-Glass-Brille kann man besser Sehen – wenn man entsprechende Sehgläser dazubaut – und – sofern man die Technik aktiviert – das selbst Gesehene auch digital aufzeichnen. Das Besondere ist nun, dass die behördlichen Fahnder anscheinend von einem im Kino anwesenden Mitglied der MPAA, dem Lobbyverband der großen US-Filmgesellschaften, herbeigerufen wurden. Man kann das auch so beschreiben: Amerikas Kinos sind voller Spitzel. Was im Umkehrschluss wohl heißt, dass in jedem kleinen US-Kuhdorf inzwischen Zollfahnder der ICE wohl ein Revier aufgeschlagen haben.

Insgesamt bekommt die Digitale Dämmerung dem Kino als Ort der Freiheit, Geschichten von anderen Lebensentwürfen vor Publikum öffentlich auszubreiten, ganz und gar nicht: Das Licht der inviduellen Bildschirme zerstört die Dunkelheit, die zum kino-typischen Versenken in das Bildwandgeschehen zwingend notwendig ist. Zudem: Die beamer-
immanente Dauerhelligkeit statt des ehemaligen Umlaufblenden-Geflackeres eines Filmband-Projektors unterstützt die Abwendung vom Bildwand-Geschehen zusätzlich und zerstört damit die soziale Versammlungsqualität dieser res publica.

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_gekaufte_Tod
http://www.dispatch.com/content/stories/local/2014/01/21/google-glass-at-easton-theater.html
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Google-Glass-US-Zoll-holt-Brillentraeger-wegen-Piraterieverdacht-aus-Kino-2093759.html

Zeit also, das Kino für sich und als soziale Erfahrung neu erfinden. http://www.cineparty.net

 

 

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