„Storage is cheap!“ und die brennende Bibliothek

SF_Auswahl - 21

Berkeley, Kalifornien (USA): 30. September 2005
Foto © Joachim Polzer

Der 30. September 2005 war der letzte Tag meines vorerst letzten Aufenthalts in San Francisco. Ich besuchte in Berkeley die Konferenz Getting Ready for Prime Time: Online Video and the Future of Television in einer Community Hall im Umfeld der Universität; Sprecher der Tagung waren – neben anderen – Brewster Kahle (vorne stehend) und Rick Prelinger (links am Mikro). Hier ein 7-minütiges Interview mit Brewster Kahle am Rande und zum Thema der Konferenz, die aus zwei Gründen nur nebenbei von Interesse war; dieses Interview lässt jedoch Brester Kahles zentrische Überzeugungskraft deutlich werden:

Quelle: Ourmedia / Internet Archive

Die Arbeit von Brewster Kahle [http://en.wikipedia.org/wiki/Brewster_Kahle] um das Internet Archive Projekt [http://en.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive] und die von Rick Prelinger [http://en.wikipedia.org/wiki/Rick_Prelinger] mit seinen Prelinger Archives [http://en.wikipedia.org/wiki/Prelinger_Archives] faszinierte mich, bewunderte ich seit Mitte der 1990er Jahre. Rick Prelinger traf ich wieder und zwar als Vortragender beim Orphans 3 Filmsymposium im September 2002 in Columbia, (South Carolina) [http://www.sc.edu/filmsymposium/archive/orphans2002/program.html]. Damals überzeugte mich erneut seine Argumentation, dass nur die kulturellen Artefakte langfristig überleben und überliefert bleiben dürften, die digitalisiert wurden und leicht im Netz frei verfügbar sein werden. Von heute aus gesehen, eine inzwischen ganz und gar schreckliche Vorstellung.

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Quelle: wikipedia.org under Creative Commons Licence

Bei einem meiner Besuche im Jahre 1998 im Hauptquartier des Internet Archive – das von 1996 bis 2009 in diesem kleinen Häuschen im Presidio [http://en.wikipedia.org/wiki/Presidio_of_San_Francisco] untergebracht war – fragte ich Brewster Kahle einmal, wie er denn die dauerhafte Abspeicherung des exponentiellen Wachstums des gesamten Weltwissens einschließlich audiovisueller Werke zu finanzieren gedenkt. Er antwortete mir mit „Storage is cheap!“ – ‚Speichern ist billig‘, und zielte wohl darauf ab, dass er selbst genug Geld für sein Projekt hätte, aber auch, dass wohl Moore’s Law [http://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz] nicht nur für Prozessor-Chips, sondern auch für Speichereinheiten gelten würde. Mit anderen Worten: Das Problem der dauerhaft zu sichernden exponentiellen Speicherkapazität löst sich von ganz allein höchst selbst. „Storage is cheap“ war eine jener Kernsentenzen, die ich immer im Gedächtnis als großen Zweifel behielt – und mit dem heutigen Wissen, weiß ich, zurecht. Eine andere dieser Kernsentenzen, stammte von Gio anno 1994 in Karlsruhe und lautete „Und keiner bekommt was mit“, als es um die ersten eigenen Internetprojekte ging. Auch da war mein Zweifel des Moments mehr als berechtigt, wenn auch das laute Beschimpfen des Computermonitors seit der Jahrhundertwende aufgrund sich ständig verschärfender Gesetze in fast allen Nationalstaaten zur Überwachung des Netzverkehrs und ihre Widerspiegelung beim Lesen des Online-Newstickers des Heise Verlags über die Jahre keine Lösung war.

Ich bin noch die Erklärung schuldig, aus welchen beiden Gründen die Tagung „Getting Ready for Prime Time: Online Video and the Future of Television“ vom 30. September 2005 nur nebenbei von Interesse war:

Einerseits:
Mein Besuch und Gespräch mit Brewster Kahle am Rande der Konferenz zielte darauf ab, für das von mir kuratierte Globians Doc Fest [http://www.globians.com] eine eigene Speicherrubrik beim Internet Archive zu erhalten, die dann auch 2006 eingerichtet wurde [https://archive.org/details/globiansfilmfestival]. Allerdings war die Leitungsanbindung der Server zumindest nach Europa bis vor kurzer Zeit noch so schlecht, so dass sich der weitere Ausbau dieser eigenen Rubrik als nicht empfehlenswert erwies. Immerhin zeigte sich der „Flaschenhals“ des exponentiellen Wachstums nun bei der Bandbreite der Online-Anbindung an’s Netz. Recht schnell war es dann auch so, dass viele Filmemacher des Festivals mit dem freien und das heißt unentgeltlichen Zurverfügungstellen ihrer Filme sich zunehmend schwer taten, da sich allerorten eine neue Goldgräberstimmung mit Streaming Video und Video on Demand auftat.

Andererseits:
Brewster Kahle hing in den Pausen der Konferenz laufend an seinem Cellphone, da sich Großes anbahnte, über das er am 30. September 2005 allerdings noch nicht sprechen mochte. Man konnte es dann am 3. Oktober 2005 in der New York Times nachlesen:

http://www.nytimes.com/2005/10/03/business/03yahoo.html

Das Scannen von Büchern wollte man beim Internet Archive nicht allein Google überlassen. Es entstand die „Open Content Alliance“ [http://en.wikipedia.org/wiki/Open_Content_Alliance].

14. May 2010 Christian_science_church122908_02

Quelle: wikipedia.org under Public Domain

2009 zog das Hauptquartier des Internet Archive vom kleinen Haus im Presidio in die ehemalige Kirche der Christlichen Wissenschaft in den Richmond Bezirk von San Francisco um.

Am 15. Oktober 2012 veröffentlichte die San Francisco Chronicle ein längeres und ausführliches „Profile“ über Brewster Kahle, die neue Heimstätte des Archivs und seiner technischen Fazilitäten einschließlich der Speicher-Server:

http://www.sfgate.com/default/article/Brewster-Kahle-s-Internet-Archive-3946898.php

„The „optimist and utopian“ in him believes his „Library of Alexandria, Version 2″ ultimately will make the world a better place.“

Man sollte mit Wünschen mindestens genau so vorsichtig sein wie mit historischen Vergleichen. Von den Bibliotheken in Konstantinopel und Alexandria blieb nichts übrig. Die Bibliothek von Konstantinopel ist im Jahre 473 abgebrannt.

Die Fotos der begleitenden Bildstrecke zeigen es und die historisierenden Anspielungen im Text – wie auch die historisierende Architektur des Bauwerks selbst – machen mehr als deutlich, dass man die Datenspeicher-Server, unterbracht in der ehemaligen Kirche, für eine sehr gelungene Synthese aus den historischen Wurzeln des Bibliothekswesens einschließlich Textexegese mit der Digitalen Zukunft, in die wir hineingeführt werden, hielt.

Nun: Am 6. November 2013 brannten Teile des Gebäudes ab:

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Quelle: Internet Archive

http://www.bbc.co.uk/news/technology-24848907

http://www.sfgate.com/bayarea/article/Internet-Archive-s-S-F-office-damaged-in-fire-4960703.php

http://www.theverge.com/2013/11/7/5076166/the-internet-archive-seeks-donations-after-fire-destroys-equipment

http://techcrunch.com/2013/11/06/internet-archive-seeking-donations-to-rebuild-its-fire-damaged-scanning-center/

http://arstechnica.com/business/2013/11/fire-at-internet-archive-destroys-equipment-and-materials-but-data-safe/
Brewster Kahle schrieb am gleichen Tag in seinem Blog:

„This episode has reminded us that digitizing and making copies are good strategies for both access and preservation. We have copies of the data in the Internet Archive in multiple locations, so even if our main building had been involved in the fire we still would not have lost the amazing content we have all worked so hard to collect.“

https://blog.archive.org/2013/11/06/scanning-center-fire-please-help-rebuild/
Na, dann ist ja gut.

Ob die erdbeben- und tsunamigefährdete Holzhäuser-Stadt San Francisco insgesamt ein guter Serverstandort ist und was passiert, wenn der Yellowstone Vulkankessel explodieren sollte, darf indes weiter diskutiert werden.

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