Wollen und Können

Am 26. November 2013 erreichte mich per Email-Nachricht der Wortlaut der zirkulierenden Petition „Filmerbe in Gefahr“:

Unser Film-Erbe ist in Gefahr !

Wenn die Politik den fortschreitenden chemischen Zerfall unseres Filmbestandes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme aus den letzten hundert Jahren rechnen. Die kostbaren analogen Original-Negative und Unikate unseres Film-Erbes zerfallen lautlos, ohne Aufsehen zu erregen, ohne ein neues Leben zu erhalten und unter behördlicher „Aufsicht“. Im „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks“ (Walter Benjamin) ist ausgerechnet die Filmkunst davon bedroht, dass der größte Teil ihres Bestandes nicht mehr reproduziert werden kann und stirbt.

Am meisten Sorgen bereiten den Filmarchiven neben den leicht entflammbaren Nitro-Filmen auf Zelluloid aus den ersten fünfzig Jahren der Filmgeschichte jene Werke, die seit den fünfziger Jahren auf dem sogenannten Safety-Material Azetat aufgenommen wurden: Kinofilme, 8- und 16mm-Filme, Fotonegative, Magnet- und Mikrofilme, ferner alle Negative und deren Kopien in Farbe oder Schwarzweiß. Wenn dieses Material, wie im Normalfall, in einfach klimatisierten Räumen lagert (bei 20 Grad Celsius und 50% Luftfeuchte), hat es eine garantierte Lebenserwartung von nur 44 Jahren. Jenseits dieser vom Image Permanence Institute (Rochester, N.Y.) ermittelten Mindesthaltbarkeit beginnt das unkalkulierbare Risiko.

Das bewegte Bild hat nur ein Leben in seiner fortwährenden Reproduktion. Das ist sein Wesen. Ein einzelnes analoges oder digitales Film-Original ist immer vom Infarkt bedroht, mechanisch, chemisch oder durch Datenverlust. Wir müssen umdenken: Das bewegte Bild zu konservieren, bedeutet seine ununterbrochene Reproduktion auf höchstem technischen Niveau. Nur so besteht eine Gewähr, dass es sich im kulturellen Gedächtnis der Nation verankern kann.

Um die Digitalisierung des Film-Erbes zu meistern, schlagen wir vor, aus dem Verbund der deutschen Kinematheken heraus eine zentrale Koordinierungsstelle zu schaffen. Sie muss das bei den deutschen Filmarchiven vorhandene Fachwissen bündeln, die Digitalisierung vorbereiten und die Konditionen der Auftragsvergabe an die technischen Film- und Fernsehbetriebe aushandeln. Diese gewaltige Aufgabe kann nur von allen deutschen Archiven gemeinsam gestemmt werden. Ohne eine enge Kooperation mit den derzeit noch existierenden Filmkopierwerken und Bildverarbeitungsfirmen ist die anstehende Arbeit nicht zu leisten. Wenn es das dort vorhandene Filmwissen eines Tages nicht mehr geben sollte, hat sich das Problem von selbst erledigt.

Frankreich stellt für die Digitalisierung und Umkopierung seines Film-Erbes in einem Zeitraum von sechs Jahren 400 Millionen Euro bereit. In Deutschland stehen gerade einmal mal zwei Millionen jährlich für ein paar prominente Filmtitel zur Verfügung. Um den drohenden Untergang unserer Bestände abzuwenden, werden bis zum Ende dieses Jahrzehnts Investitionen von etwa 500 Millionen Euro benötigt.

Wir fordern eine Initiative zur Digitalisierung der gefährdeten Filmbestände auf Bundesebene. Von der zukünftigen Bundesregierung erwarten wir eine sichere und substanzielle Finanzierung. Die Bewahrung unseres Film-Erbes ist eine nationale Aufgabe für die Zukunft. Wir bitten die im Rahmen der gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen tätige AG Kultur und Medien, in ihre Beschlussfassung den folgenden Passus mit aufzunehmen:

„Die Erhaltung des filmischen Kulturgutes ist eine gesamtstaatlich-nationale Aufgabe. Dieses Erbe muss dauerhaft gesichert werden, um auch im digitalen Zeitalter sichtbar und verfügbar zu bleiben. Der Bund stärkt daher das Bundesarchiv-Filmarchiv als das zentrale deutsche Filmarchiv sowohl personell als auch finanziell. Er fördert durch die Einrichtung eines dauerhaften Fonds die Digitalisierung des deutschen Filmerbes.“

Erstunterzeichner:
Jeanpaul Goergen, Filmhistoriker;
Helmut Herbst, Filmmacher und -forscher;
Prof. Dr. Klaus Kreimeier, Publizist und Medienwissenschaftler

Ich schrieb dazu noch am gleichen Tag folgenden Kommentar:

Es ist gut zu wissen, dass aus dem FR-Artikel von Prof. Herbst vom Oktober anlässlich der Kinemathekstagung in FFM nun eine „ausgewachsene Petition“ mit vielen Unterschriften geworden ist.

Ich darf Dir als promovierter Medienkonservator allerdings mitteilen, dass ich die „ausgewachsene Petition“ für eine ärgerliche Petitesse halte, weil sie mit Subventionsansprüchen das Kernproblem verdeckt: Ich melde also Widerspruch an.

Wenn alle „Fische“ in dieselbe Richtung schwimmen und sich gut dabei fühlen, darf es auch den ‚Maverick‘ geben, der Ihnen sagt, dass das alles viel zu kurz gedacht ist und es sie geradewegs in ihr eigenes Datengrab zieht.

Ich bleibe bei meiner These, die das Ergebnis langjähriger Forschungs- und Restaurierungsarbeit sowie kommerzieller Digitalisierungspraxis im AV-Medienbereich ist:

Digitalisierung ist nicht der Start in die unendlichen Weiten einer neuen Zukunftsepoche, sondern die Finaltechnologie einer wirtschaftlich-kulturellen Entwicklung und Ihres daraus entwickelten Produktionsstandes, aus der sie vorhergegangen ist.

Ansonsten scheinen mir die Herrschaften und Herrschafterinnen der Unterzeichnergruppe zu vergessen, dass die Überlegung, das Problem des Langzeiterhalts von Daten auf die nächsten Generationen zu verlagern, letztlich nichts anderes macht, als das, was derzeit TEPCO in Fukushima treibt: Der kulturelle Atommüll wird zur Belastung zukünftiger Generationen, da die Archivare ihrer Zeit ihren Job der auswählenden Bewertung nicht getan haben, weil sie der Ideologie der Digitalisierung komplett erlegen sind, indem kommerzielle Auswertungsinteressen sich jetzt mit Bedarfsanmeldung an öffentlichen Geldern verweben.

Ich denke, die internationale Filmarchiv-Community ist inzwischen, nachdem was man von Martin Girod im schweizer Film-Bulletin zuletzt als Bericht aus Bologna lesen konnte, auf deutlichen Abstand zur Digitalisierung als Kampfideologie gegangen ist. Deutschland hinkt, wie immer, im Kulturellen etwas hinterher.

Jedenfalls wird der Wunsch der Kinematheken sehr deutlich, aus ihren Filmkopie-Beständen durch Digitalisierung eine Verwertungskette aufzubauen, die sowohl über ihren verpassten Identitäts- und Funktionsdiskurs hinwegtäuschen soll, wie auch über den Umstand, dass damit der Bedeutungsverlust des Kinos als öffentlich-sozialer Brennpunkt nicht wieder wird hergestellt werden können. Ansonsten liest sich dieser und der andere Text wie eine Kampfansage der Berliner Kinemathek und ihrer SDK auf das Barch-FA, das sich derzeit im schwierigen Generationswechsel befindet.

Insgesamt kein guter Pfad in die Zukunft.

Ansonsten empfehle ich die Lektüre von Thomas Grüters neuer Buchveröffentlichung „Offline“ über „das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft“.

Der in meinem Kommentar genannte Martin Girod schrieb ebenfalls am 26. November 2013 folgende Replik:

Ich fühle mich ja sehr geehrt, von Ihnen als Kronzeuge zitiert zu werden. Zugleich aber schmerzt es mich, dass dies in einer Debatte pro und contra Digitalisierung geschieht. Ich hatte ja gehofft und im von Ihnen angeführten Text geschrieben, „die unproduktiven Grabenkämpfe zwischen Zelluloidpuristen und Digitalfans“ fänden ein Ende. Wir wissen, dass es Restaurierungsarbeiten gibt, die auf analogem Weg nicht zu leisten sind, und wir nehmen auch mit Bedauern zur Kenntnis, dass das Verschwinden der 35-mm-Projektoren aus den Kinos die Vorführchancen nicht digitalisierter Klassiker mehr und mehr einschränken. Aber wir können auch nicht übersehen, dass es (noch) an zukunftstauglichen Standards fehlt für die digitale Archivierung, weshalb das Ausbelichten der digital restaurierten Filme auf 35-mm-Filmmaterial (so lange es dieses noch gibt!) derzeit schlicht ein Gebot pragmatischer Vernunft ist. Dieses Sowohl-als-Auch mag politisch schwieriger zu verkaufen sein, doch die Kräfte der an der Filmgeschichte und ihrer Erhaltung Interessierten an Scheingefechte zu vergeuden, führt bestimmt auch nicht weiter.

Jean-Pierre Gutzeit, Vorstand beim Kinomuseum Berlin e.V., antwortete darauf am 27. November 2013 mit folgenden Anmerkungen:

Repliken, die sich ganz besonders häufig der Maxime des „Pragmatismus“ bedienen, unterstellen historisch interessierten Debattanten eine realitätsferne Sichtweise – oder gar Scheingefechte.

Es ist weit eher zu bedauern, dass Gefechte um ein Für und Wider von Digitalisierung oder Analogisierung noch vor 20 Jahren geführt wurden (auch nur aus Gründen der Qualitätsfrage), nunmehr aber aus Bequemlichkeit ad acta gelegt werden.

Die Mantra der angeblich fehlenden 35mm-Projektoren oder eingestellten Rohfilmherstellung nährt doch nur den eigenen Skeptizumus und Fortschrittsglauben, der auf die immerselbe Attitüde hinausläuft, einen Film irgendwie, irgendwo und irgendwomit ubiquitär zeigen zu können, da Kunstimmanenz und geistiger Inhalt bitte nicht durch materielle Ressourcenknappheit („schon wieder auf 35mm kopieren – viel zu aufwendig“) eingeschränkt werden dürften.

Der Kompromiss derzeitige Digitaltransfers (oder des HDTV Hypes), der derzeit innerhalb des konsumptorisch geltenden Rahmens funktionieren mag, gibt kaum Antworten auf Umgang mit Gewerken früherer Epochen. In anderen Fakultäten der Künste ist eine materielle Reproduktion mit Authentizitätsanspruch jedoch selbstverständlich.
Im filmmusealen Bereich dagegen obsiegt die Begehrlichkeit nach Distribution immer kleinerer und ökonomischer rationierterer „Filminhalte und Pakete“, um in einer Kultur des Multitaskings noch mitsprechen zu können.

Reproduktion von Film als Original hiesse aber erst in zweiter Linie, ihn zu digitalisieren und notgedrungen wieder (aus Gründen noch existierender Datensicherheitsprobleme) zu reanalogisieren. Restaurierung, Aufführungskultur und Sicherung hiesse primär, das Filmbandoriginal so weit als möglich von gut erhaltenen Originalnegativen direkt als Filmkopie oder als Intermediate Film zu sichern und aufzuführen (mit Haltbarkeitsschtzungen von bis zu mehreren hundert Jahren). Das funktionierte 120 Jahre ohne Bits und Bytes, ohne Kompressionen und Wandel der Farbräume und Modelle.

Was gut und professionell war und ist, dessen schämt man sich nunmehr – weil es per Internet nicht darstellbar ist?

Viele Kinos und sogar Multiplexe haben ihre Vorführgeräte erhalten, kommunale Kinos so wie so, und das Bundesarchiv unterhält ein Filmkopierwerk, das es auf internationaler Ebene zu stärken gilt.

Eine letzter Kommentar zur Postmoderne und zu neuerdings effizienz-geleiteter Restaurierung und Verwertung – und dazu ein Gegenbeispiel:

Aktuell eröffnet heute der „Zoo Palast“ mit kommender Klassiker-Schiene auf Filmbandorginal: Eine Forderung des lange Zeit als Popcorn-Unternehmer bezeichneten CinemaxX-Gründers Flebbe: http://www.nikos-weinwelten.de/beitrag/der_neue_zoo_palast_berlin/

Statt das materialkonsistente Original zu rekonstruieren, hätte man besser die „Scheingefechte“ einstellen sollen und den lange Zeit (auch staatlicherseits) unterstützten  Plänen eine Multiplexneubaus am Zoo zustimmen sollen?

Und auf die Restaurierng von Film übertragen: wenn das Filmbandorginal sogar tlws. ein Comeback feiert, warum schämen sich seiner die Filmmuseen und Archive?

 

Es bleibt ärgerlich, dass Petitionen sich immanent auf den Standpunkt stellen, schon alles bedacht zu haben und bereits alles zu wissen; nur noch fordern zu müssen. Man müsse nur noch handeln, wenn man denn nur könne (oder mit entsprechenden Mitteln dafür bedacht werde) und zwar in die in der Petition beschriebene, richtige Richtung. Das setzt sie an das Ende eines Diskurses und damit eines komplexen Denk- und Entscheidungsvorgangs und macht sie im höchstem Maße diskursabstinent. Petitionen sind ihrem Wesen nach borniert. Das Junktim, dass, wenn man die in den Kinemetheken über Jahrzehnte gesammelten Vorführkopien (und selbst Originale, wenn vorhanden) nur digitalisieren würde, damit dann „das Filmerbe“ vor dem Untergang bewahrt habe, ist in höchstem Maße unprofessionell wie naiv.

Die Forderung, dass man das audiovisuelle Werk-Erbe bewahren müsse, hätte mit dem Eingeständnis anzufangen, dass man derzeit mit leeren Händen da steht und damit das angestrebte Ziel, was man gerne tun und realisieren möchte, gar nicht tun kann. Weder steht der traditionell analoge Restaurierungsweg mit Umkopierungen inzwischen ausreichend noch zur Verfügung, weil Roh-und Verbrauchs-Materialien inklusive Chemikalien, Working Know-How, klassische Filmbearbeitungsgeräte samt Institutionen inzwischen dahin geschwunden sind. — Digitalisierung schließlich ist ein komplett ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, bei der auf „Innovationen“ in Sachen Langzeiterhalt geschielt und im sehr Vagen gehofft wird, doch eigentlich nur der Zusammenbruch der Infrastrukturen ausgeblendet wird, wie die des internationalen Zahlungsverkehrs mit einer Unterbrechung des Welthandels (und damit des Ausbleibens an Nachschub eilig für Erhaltungszwecke benötigter Ersatz-Komponenten).

Der in der Petition „Filmerbe in Gefahr“ vorgetragene Handlungsweg ist damit eine Augenblickserregung als Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme. Wir werden bei der Auseinandersetzung mit dem „Berliner Appell zum Langzeiterhalt digitaler Kulturgüter“ in Kürze dann sehen, inwieweit dort ein höheres Reflexionsniveau vorgelegen hat.

http://filmerbe-in-gefahr.de


Update 27. Januar 2014, 14:24 h: Heute erreicht mich ein Kommentar von Klaus-Martin Boese aus Berlin zu diesem Blogartikel, den ich nicht vorenthalten möchte:

Wer möchte schon dem Satz widersprechen: „Die Bewahrung unseres Film-Erbes ist eine nationale Aufgabe für die Zukunft.“ Auch der Forderung nach einer personellen wie finanziellen Stärkung des Bundesarchivs-Filmarchiv würde sich niemand widersetzen wollen; der Koalitionsvertrag hat sie auch aufgenommen. Für die Weitsicht derjenigen, die den Koalitionsvertrag ausgehandelt haben, spricht aber, dass sie einen entscheidenden Satz unberücksichtigt gelassen haben: „(Der Bund) fördert durch die Einrichtung eines dauerhaften Fonds die Digitalisierung des deutschen Filmerbes.“ Denn wer sich (unverständlicherweise) für eine umfassende Digitalisierung ausspricht, sollte dafür jedenfalls nicht das Bundesarchiv-Filmarchiv in Anspruch nehmen wollen. Denn das spricht sich schon seit Jahren – nachvollziehbar – und mit Vehemenz gegen eine Digitalisierung analoger Laufbildmaterialien aus; aus (nachvollziehbaren) Gründen unzureichender Langzeitverfügbarkeit. – Soviel zum Realitätsbezug der Petition; und ihrer unverständlichen dogmatischen Begrenzheit. Wäre nicht allen geholfen gewesen, wenn die Petition anstelle einer Forderung nach „Digitalisierung“ (also die Vorgabe ganz konkreter Arbeitstechniken) einfach die „Langzeitverfügbarkeit“ (also das Ergebnis maßnahmeoffener Konservierungsbemühungen) aufgestellt hätte?

https://www.cdu.de/sites/default/files/media/dokumente/koalitionsvertrag.pdf (dort S. 95)

http://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/bundesarchiv_de/fachinformation/film/freiwilligehinterlegung.pdf (als umfassendste Darstellung der Philosophie des Bundesarchivs – Filmarchiv zu Fragen der Digitalisierung)


Update 28. Januar 2014, 12:25 h: Das Internetforum der deutschen Filmvorführer hat die Debatte in einem Diskursfaden aufgegriffen, unter besonderer Berücksichtigung der Restaurierungsvorstellung von „Caligari“ mit dortigem Hinweis auf die Kritik von Anke Wilkening auf den „Filmerbe-in-Gefahr“-Appell: http://www.filmvorfuehrer.de/topic/18956-restaurierter-dr-caligari-vorgestellt/

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