Neubewertung des Vergangenen

Ein wichtiges und eindeutiges Indiz für Zeiten der Zäsur mit ihren Paradigmenwechseln – wie jetzt gerade bei der Digitalen Dämmerung – ist der Umstand, dass im Diskurs stets eine Rückschau mit einer Neubewertung des Vergangenen stattfindet, bei der die Option eines Fortschritts durch Rückschritt ventiliert wird.

Das ist heute im Beitrag von Evgeny Morozov im digitalen Diskurs der FAZ

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/silicon-demokratie/kolumne-silicon-demokratie-macht-darf-nicht-alles-wissen-12766304.html

nicht anders als im jüngsten Interview mit Jutta Ditfurth bei Telepolis

http://www.heise.de/tp/artikel/40/40798/

Einen Rückschritt, der einen Fortschritt darstellt, nennt man regressive Progression.
Dieses Zurückgehen ist letztlich immer dann die einzig verbliebene Möglichkeit, wenn das unbekümmerte, einfach weiter darauf los Fortschreiten sich als nicht mehr produktiv und lebensfeindlich in der Erkenntnis erwiesen hat. Das ist technolgoisch bei Morozov dann die Sekundensuche statt der Mikrosekundensuche; auf Hardwarebasis wird dies der Umstand sein, bei der Bauteileproduktion auf einen bereits vergangenen Stand zurückkehren zu müssen. Darauf werden wir bald nochmals rekursieren.

Allerdings bleibt erstaunlich, dass der „Silicon Democracy“ Diskurs weiterhin ahnungslos darin bleibt, dass von der Totalität des Digitalen wegen Digitaler Demenz durch Zusammenbruch der internationalen Arbeitsteilung nichts übrig bleiben dürfte; weiterhin bleibt bei Ditfurth erstaunlich, dass die erzählerische Neubewertung der selbst erlebten Gesellschaftsentwicklung von den 1950ern bis in die 1980er-Jahre als plastische Geschichtsstunde für die derzeit junge Generation der in den 1980er-Jahren Geborenen das Paradigmenwechseln inhärente Radikalisierungspotential nicht erkennen will und meint, es selbst anfachen zu müssen; es nur selbst anfachen zu können. Über diese bei Paradigmenwechseln inhärente Radikalisierungsschleife wird noch zu verhandeln sein, da hier bislang stets der Umschlagspunkt einer regressiven Progression in die progressive Regression zu verorten war. Hier liegt die Erbsünde der radikal Linken verortet; man könnte auch sagen: ihr blinder Fleck.

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