Wollen und Wolken

Was immer sich die Autoren des „Berliner Appells zum Erhalt des digitalen Kulturerbes“ bei der Formulierung ihres Textes auch gedacht haben mögen: Bei genauem Studium des Textes wird deutlich, dass hier große Sachunkenntnis am Werke war.

Das geht schon bei der Präambel des Textes los:

„Unsere Gesellschaft ist seit langem von dem Konsens bestimmt, dass Wissen und Kultur zu erhalten sind. Das Wissen unserer Tage wie die Kultur unserer Gesellschaft werden aber zunehmend mittels elektronischer Medien gespeichert und sollen über diese überliefert werden. Die Bewahrung dieses Wissens und dieser Kultur steht auf tönernen Füßen. Die Bereitschaft, auch in der elektronischen Welt in die Bestandserhaltung zu investieren, ist nicht sehr groß. Die Einsicht in die Notwendigkeit, die Prozesse der digitalen Langzeitarchivierung nachhaltig und dauerhaft zu finanzieren, ist noch nicht ausgeprägt. Die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie zur Bestandserhaltung auch von analogen Informationsträgern sind noch lange nicht ausgeschöpft. Das ist ein Appell zur Nachhaltigkeit in der elektronischen Welt.“

Hier wird „elektronisch“ mit „digital“ gleichgesetzt, in Unwissen darüber, dass die bislang überwiegende Entwicklungs- und Funktionsweise von beispielsweise Fernsehen und Rundfunk als elektronische Medien analog war und die in und mit diesen Medien hergestellten Inhalte auch auf analoge Träger aufgezeichnet wurden. Mit dem Passus:

„Informations- und Kommunikationstechnologie zur Bestandserhaltung auch von analogen Informationsträgern“

dürfte, wenn man es denn recht versteht, Digitalisierungs-Bemühungen gemeint sein, die man dann auch so benennen sollte, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften.

„1. Gefahr des Verlustes
Digitale Inhalte sind fragil. Sie unterliegen einer rasanten technischen Entwicklung. „

Das wäre für einen Archivar eine furchtbare Tatsache, wenn seine zu archivierenden und zu erhaltenen Inhalte ohne sein Zutun einer rasanten Entwicklung unterliegen würden. Gemeint dürfte hier sein, dass die Formen, Formate und Speicher-Medien der digitalen Inhalte einschließlich dem, was man einmal zu Recht „Elektronische Daten-Verarbeitung“ (EDV) genannt hatte, bislang einer rasanten technischen Entwicklung unterlagen. Das ist ein großer Unterschied. Ziel der Archivierung ist, dass die Inhalte sich nicht verändern, sondern gleich bleiben.

„2. Dauerhafte Aufgabe
Digitale Langzeitarchivierung ist Teil der Bestandserhaltung für digitale Objekte und muss als eine dauerhafte Aufgabe begriffen werden, die sich nicht in Projekten erschöpft.“

Verstanden habe ich hier, dass man gerne Stellen, Posten und Positionen haben möchte. Den Begriff der „Bestandserhaltung für digitale Objekte“ habe ich nicht verstanden. Ist hier gemeint, dass der Langzeiterhalt von digitalen Inhalten sich der Förderung und dem Aufbau von Computermuseen, die sich auf die Sammlung und Gangbarhaltung von IT-Hardware, Betriebssystemen und Anwendungsoftware unterordnen soll? Wenn hier abwegigerweise mit „ja“ geantwortet werden würde, wäre das – gegen jede Erwartung – nicht das Allerdümmste. Oder was ist hier mit „digitalem Objekt“ gemeint: die Bestandserhaltung der derzeitigen oder originalen Speichermedien? Oder gar das „Digisat“ unter Absehung der Tatsache, dass es ohne „Träger“ kein „Objekt“ ist?

„3. Ausbildung/Organisation
Digitale Langzeitarchivierung muss ein gezielter Ausbildungs- und Forschungsschwerpunkt an Universitäten und Fachhochschulen werden und auch Eingang in die Curricula von anderen Disziplinen finden.“

Wenn man weiß, was unter „Digitaler Langzeitarchivierung“ denn nun genau zu verstehen ist, darf man auch gerne lehren und Curricula aufstellen und Studiengänge aufbauen. Wenn man noch keinen blassen Schimmer von der zu bewältigenden Aufgabe hat, sollte man besser schweigen und noch nicht Akademisieren.

„4. Recht
Der derzeitige Rechtsrahmen behindert vielfach die digitale Langzeitarchivierung. Es müssen eindeutige und verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen für die digitale Langzeitarchivierung in all ihren Aspekten geschaffen werden.“

Dies ist vom Obsoletheitsgrad der Rechtsauffassung im Digitalen Zeitalter mit seinem aus der Analogzeit herrührenden Urheberrecht nicht zu trennen und ein laufender Diskurs der Gegenwart, der weit über die Bestrebungen für eine digitale Langzeitarchivierung hinausreicht.

„5. Kosten
Für die digitale Archivierung besteht eine dauerhafte öffentliche Verantwortung. Digitale Langzeitarchivierung ist kostenintensiv.“

Unter den gegenwärtigen technischen Rahmenbedingungen stimmt das. Müssen allerdings die gegenwärtigen technischen Rahmenbedingungen komplett geändert werden, ist die Änderung der Rahmenbedingungen das kostenintensive Element und nicht mehr die Digitale Langzeitarchivierung, wenn dort also zum „Store and Ignore“ der analogen Welt zurückkehrt werden kann. Dazu muss man wissen, worüber man sich gerade unterhält und von was man spricht.

„6. Aufmerksamkeit und öffentlicher Diskurs
Nachhaltigkeit in der digitalen Welt erfordert eine breite öffentliche Diskussion und starke politische Wahrnehmung. Digitale Langzeitarchivierung ist kein Nischenproblem.“

Man macht ein Problem groß, um es zu Verharmlosen: Es geht inzwischen um die Weiterüberlieferung unseres gesamten Wissens einschließlich des Wissens um Gefährdungstechnologien und nicht um läppische „Nachhaltigkeit“ als Wort für „alles, was nicht gleich auseinander fällt“.

„7. Langzeitarchivierung und Digitalisierung
Digitale Langzeitarchivierung sichert und stärkt das Demokratie- und Transparenzversprechen des digitalen Kulturerbes.“

Seit wann geben Objekte und zwar die des „digitalen Kulturerbes“ ein Demokratieversprechen und auch noch ein Transparenzversprechen? – Wer kann Versprechen aussprechen? In der Regel doch Subjekte, oder?

„8. Rollen und Strategie
Zuständigkeiten und Rollen im Bereich der digitalen Langzeitarchivierung müssen im Rahmen einer nationalen bzw. europäischen Strategie klar bestimmt sein.“

Wieder habe ich verstanden, dass man gerne Stellen, Posten und Positionen haben möchte und dass man sich hier zudem bei der Verteilung von ebendiesen nicht gern in die Quere kommen möchte.

„9. Auswahl
Auswahlkriterien für die digitale Langzeitarchivierung müssen Teil eines gesellschaftlichen Diskurses sein.“

Auswahlkriterien kann man haben für die Inhalte, denen man zubilligt, überliefert zu werden; bestimmt auch für ganze Sammlungen, also Inhalte, die schon jemand anderes zuvor kuratiert hatte. Das ist aber nichts Neues, sondern genau die Aufgabe, die Archivare aufgrund ihrer Sachkenntnis und des Verständnis der Geschichte ihres Faches seit Jahrhunderten erledigen. Einen gesellschaftlichen Diskurs hier ansetzen zu wollen, setzt voraus, dass man weiß, was digitale Langzeitarchivierung denn nun genau im Detail bedeutet. Sonst lässt man das Volk an etwas beteiligen, bei dem hinterher das Gegenteil des Intendierten und Legitimierten herauskommt, weil man es über Verfahrensweise und Methoden der digitalen Langzeitarchivierung im Dunkeln lässt. Auch die Verfahren der Langzeitarchivierung müssen also, wie die inhaltliche Selektion, Gegenstand eines gesellschaftlichen Diskurses sein.

„10. Reichweite
Kulturarchivierung ist im Digitalen eine Aufgabe, die in ihrer Bedeutung und ihren Folgen über die Aufgaben der Kulturinstitutionen hinaus geht.“

Das stimmt. Es stimmt aber auch für die Kulturinstitutionen, die über Jahrhunderte mit analogen Objekten gearbeitet und sie bewahrt haben, um nur einmal beispielsweise von Büchern, Autographen oder Schriftrollen auszugehen. Wieder eine Menge Schaum und Blendwerk in so einem kurzen Text.

„11. Recherchierbarkeit, Verfügbarkeit und Zugang
Der Zugang zum digitalen Erbe ist durch neue Technologien so leicht wie noch nie. Er birgt einen großen Nutzen für die Bildung und Forschung. Um den Zugang zu erhalten, sind verlässliche Finanzierungsmodelle notwendig.“

Das habe ich nicht verstanden. Ist hier gemeint, dass die Abgeltung von Rechten für den Zugang eine finanzielle Bürde darstellt? Dann sollte man einfach das Verlagsmodell bzw. die Verlagsmodelle nicht aufgeben oder sich um neue Modelle kümmern. Oder ist hier gemeint, dass die technischen Kosten der Infrastruktur und ihr Erhalt so kostenintensiv sind, dass hier erhebliche Budgets verlässlich gestemmt werden müssen? Wenn letzteres der Fall ist, dann sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass auch die gesamte Infrastruktur der Elektronischen Datenverarbeitung einschließlich Netzanbindung und die zum Betrieb notwendige Stromversorgung erhebliche Kosten entstehen lässt, die bislang eher verschleiert als deklariert werden. Der gesamte Komplex ist wesentlich größer als das betuliche Hervorheben von „Bildung und Forschung“ ahnen lässt.

„12. Technische Fragen
Langzeitarchivierung kann nur unter geregelten technischen Rahmenbedingungen nachhaltig erfolgen. Dazu gehören offene und standardisierte Datenformate.“

Das stimmt, allerdings ist die Frage, ob die „geregelten technischen Rahmenbedingungen“ nicht ganz grundsätzlich erst noch hervorgebracht werden müssen, was vor allem Hardware, Betriebssysteme, Anwendungsprogramme – und natürlich auch Datenformate betrifft.

„Der Berliner Appell ist hervorgegangen aus der Initiative Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt, einer Veranstaltung des Internet & Gesellschaft Collaboratory (CoLab) in Zusammenarbeit mit nestor, dem Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung, iRights.Lab Kultur und dem Institut für Museumsforschung.“

Zu dieser Veranstaltung ist am 25. September 2013 eine Dokumentation publiziert worden, bei denen auch IT-Fachleute sich in Beiträgen zu Fragen der Infrastruktur geäußert haben und die etwas substanziellere Qualität versprechen, als dieser mehr als wolkige Appell, der auf der Website zudem ohne Datum publiziert wurde.

Was mich am „Berliner Appell“ der Herren Klimpel und Kieper, die ihn auf der Website verantworten, indess am meisten gestört hat, war die Tatsache, dass es schon einmal einen „Berliner Appell“ gegeben hatte und zwar im Jahre 1982 von Rainer Eppelmann und Robert Havemann als Reaktion aus der DDR auf die damalige brandgefährliche Hochrüstung von SU und USA mit einem Appell zur Abrüstung in Ost und West. Inzwischen bekannt dürfte die Tatsache sein, dass die Welt mehrfach in den beiden Jahren 1983 und 1984 am nuklearen Armageddon vorbeigeschrammt ist. — Aus einer Kulturinstitution wie der Stiftung Deutsche Kinemathek heraus, die ja alles andere als geschichtsvergessen sich vermitteln möchte, nun ein dermaßen historisch besetzten Begriff ohne Reflexion nochmals für eigene Zwecke zu verwenden, zeigt mir, dass dort der Unterschied zwischen Abrüstung und technischer Aufrüstung ebenfalls nur sehr unzureichend verstanden wird.

Ist das allen Erst- und Nachunterzeichnern dieses Appells entgangen ?
http://www.berliner-appell.org/index.html

http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2157

http://irights-media.de/publikationen/was-bleibt-nachhaltigkeit-der-kultur-in-der-digitalen-welt/

http://www.beam-ebooks.de/ebook/59542

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Verknüpfungen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.