Das Archiv-Kabinett des Dr. Caligari

Bericht vom Symposium der Berliner Kinemathek
zur Neuauflage des CALIGARI am 10. Februar 2014

von Jean-Pierre Gutzeit

Eine Glosse.

Zunächst die Einführung eines Promovenden zum gleichnamigen Film, der recht gekonnt die Legendenbildungen seitens von Zeitgenossen oder Produktionsbeteiligten des Films dekonstruierte, wissenschafltich entlarvte. Erich Pommer und Fritz Lang hatten sich demnach in anmaßender und erfinderischer Weise Meriten am Erfolg des Films zugeschrieben, die durch Fakten klar widerlegbar sind.

Zur ausschiesslich digital erhätlichen Version des neuen CALIGARI:
Ernest Szebedits, Vorstand der Murnaustiftung, behauptet derzeit auf „arte“, wenn Filme nicht digitalisiert würden, wären sie alsbald nicht mehr sichtbar. Von „arte“ wird dies als Entscheidung zugunsten einer Kinoauswertung gepriesen. Dabei beruft sich Szebedits auf das Verschwinden von 35mm-Projektoren. Sich für diese nun einzusetzen, wofür es Gründe gäbe, kommt ihm nicht in den Sinn. Auch sein Kollege Martin Koerber aus der Deutschen Kinemathek behauptete schon vor Jahren sarkastisch, wenn nicht endlich digitalisiert würde, wobei nicht die Auflösungsfrage im Vordergrund stünde, gäbe es bald gar keine Filme mehr.

Nun: Business-Polemik solcher Kuratoren könnte man auch (wie den berühmten „Spiess“) umdrehen: sie verschweigen dreist, dass die Digitalisierungsprojekte nicht einmal 10% der Filmgeschichte auf digitalem Wege erhalten werden können. Ich finde es daher nicht verkehrt, sich für die Bewahrung der 35mm-Projektion und Kopierwerke einzusetzen. Denn wenn die Szebedits und Koerbers in ihrem Auftragsrausch die Notwendigkeit zum Zeigen vorhandener Filmkopien verdrängen, stellen sie sich notwendig gegen einer Programmvielfalt und verfolgen m.E. eher innovative Geschäftsinteressen als die breite Verfügbarkeit möglichst vieler Filme. So kündigte der Filmarchiv-Leiter Koerber schon vor Jahren an, die eigenen 35mm-Bestände alsbald nicht mehr zu verleihen.
Die einzige kritische Anfrage des heutigen Symposiums seitens eines ausländischen Kinematheksleiters, der einen, wie er sagte „provokanten Einwurf“ wagen wollte, warum die Kinemathek die Zusammenarbeit mit ihm verweigere, die auf Erhalt und Sicherung unzähliger viragierter Stummfilmkopien abzielte, und dass es sich bei CALIGARI und METROPOLIS mittlerweile um eine Art Event-Business handele, wurde von Koerber mit hocheleganter Ironie und Schlagfertigkeit plattgewalzt: dies könne er (Koerber) als Leiter des Filmarchivs einfach beantworten: weil für andere Filme keine Gelder freigemacht würden und weil zudem „sein“ Archivetat auf 1/3 zusammengestrichten worden wäre und auch das verbliebende Dritte eingefroren sei.
Nun weiß ich leider nicht, was man anstellen muß, daß einem angeblich der Gesamt-Etat gesperrt wird (die Kinemathek erhält doch über 8 Mio. EUR im Jahr?), es bleibt aber der Verdacht hängen, daß man versagt in der Werbung für eine nicht-kanonisierte Archivpflege und die Einbindung von Experten und der Bevölkerung zur Festigung archivethischer Anforderungen. Allein der für ein Massenfestival und den Anlaß einer Event-Restaurierung magere Besuch dieser Veranstaltung (es gelang gerade mal, die verfügbaren etwa 70 Plätze im Konferenzsaal im Filmhaus zu füllen), läßt eine Distanz der Kinemathek zu Filmfachleuten und zur Bevölkerung erahnen. Wer die dann Anwesenden aus noch früheren Veranstaltungen identifizierte, sah die Immerselben und eine nachgerade „inzestuöse“ Gruppendynamik des Hauses Kinemathek.

Frau Anke Wilkenung stellte die Phasen der Restaurierung des CALIGARI weitgehend schlüssig und überzeugend dar, liess aber in anbetracht von Verallgemeinerungen und einigen Widersprüchen erkennen, dass sie wie Koerber vermutlich keine Laufbahn in Filmkopierwerken oder in Filmtheatern durchlaufen hat. Dabei finde ich eine Präsenz von Traditionalisten auch aus diesen Gewerben sehr fruchtbar.
Widersprechend den bisher verschrifteten Dokumentationen zur akutellen Restaurierung des CALIGARI berichtete Frau Wilkening von Schäden in jeder 2. Einstellung des Originalnegativs: bisweilen fehle 1 Sekunde oder mehr. Das kommentiere ich lieber nicht.
Erheiternd war Wilkenings emphatisches Entzücken über die Wiederentdeckung eines Kamernegativs. Bereits vom Promovenden wie die Entdeckung einer Zauberformel zum Eingang der Veranstaltung hymnisiert.
Der Rückgriiff auf das Kameranegativ, das, hymnisch gesehen, Murnau selbst noch in der Hand hielt, verkauft man wie eine Erfindung der Murnau-Stiftung oder als Genie-Entdeckung der Kuratorin Wilkening. Denn die Wege eines Originalnegativs seien oft sehr abenteuerlich, wie diese den Restaurations-Krimi dann fortspann.
Zumindest an anderer Stelle zeichnete sie glaubhaft-nüchtern in einer Tabelle die Lager-Chronik des Negativs nach, das einst vom Reichsfilmarchiv zu Gosfilmofond nach Moskau wanderte, um in den 50er Jahre an das Staatliche Filmarchiv der DDR „zurückgegeben“ zu werden. Von dort aus dann übernahm nach der Wende das Bundesarchiv-Filmarchiv das Material, das vor 20 Jahren bereits eine von viragierten Theaterkopien gedoubelte Restaurierung herausbrachte.

Mehr also als die Beschwörung des wohl zu keiner Zeit vermißten Originalnegativs hätte mich aber ein aufrichtiges Bekenntnis interessiert, warum in früheren Zeit auf einen Rückgriff auf das schwarz-weisse Originanegativ verzichtet wurde. Zumal selbst der damalige Bundesfilm-Archiv-Kurator Helmut Regel in den 80er Jahren hervorhob, dass das Schwarz-Weiss-Ausgangsmaterial für das BArch den höchsten Wert darstelle.
Zu erklären wäre m.E. also, wann und warum evtl. Printertechnik im BArch fehlte, um schon zu früheren Zeiten vom Originalnegativ Sicherungen durchzuführen. Kopiert man nun lieber auf Debrie, Bell and Howell oder riskiert man den Durchlauf durch die Schmitzer- Naßkopierung, so lassen sich hier durchaus aufklärend Zusammenhänge darstellen.
Da man sie schon nicht mehr erwähnte, zeigt mir, dass die Hoffnung, im Berliner Filmhaus auf kompetente Techniker, Kopierwerksexperten oder selbstkritische und gegenüber traditioneller Technologie toleranten Kuratoren zu begegnen, aussichtlos erscheint.


Tippfehlerkorrektur: in meiner vorherigen Glosse taucht einmal zu viel „Murnau“ auf.

Der Rückgriiff auf das Kameranegativ, das, hymnisch gesehen, Murnau selbst noch in der Hand hielt, verkauft man wie eine Erfindung der Murnau-Stiftung oder als Genie-Entdeckung der Kuratorin Wilkening.
Murnau hat nur mit der Murnau-Stiftung etwas zu tun und in dem Satz nichts verloren.

Gesagt werden sollte:
Der Rückgriiff auf das Kameranegativ, das, hymnisch gesehen, „Willy Hameister“ [der Kamermann also] „selbst noch in der Hand hielt“, verkauft man wie eine Erfindung der Murnau-Stiftung oder als Genie- Entdeckung der Kuratorin Wilkening.

Weil die wie ein Wunder gefeiert wurde, was die Regel in der Archivierung und Kopierwerksarbeit ist (sein sollte), fand ich diese quasi-Goldgräber-Attitüde eben doch als Selbstbeweihräucherung. Und zweilfe daran, dass die teils jungen Referenten über Erfahrungen im Umgang mit Negativen sattelfest sind (die CALIGARI-Restaurierng wurde fachlich in Bologna von der L’Immagine Ritrovata betreut).
Zustimmende/kritische/interessierte Fragen wurden leider nach der einen „provokanten“ des ausländischen Kinematheks-Kurators nicht mehr zugelassen, weil (obwohl der Saal gar nicht anschliessend vermietet war) Koerber das Symposium nach seiner Begründung der traurigen Zuwendungslage schmunzelnd für beendet erklärte.
Nach dem Motto womöglich: ist halt so, geht nicht besser, keine Zeit mehr, und wer meckert, soll doch Geld (an die Kinemathek?) spenden…


Quelle:

http://www.filmvorfuehrer.de/topic/19050-wie-die-berlinale-funktioniert/page__st__20


Links:

http://www.berlinale.de/en/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20148205

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Cabinet_des_Dr._Caligari

http://murnau-stiftung.de/projekt-caligari

http://www.immagineritrovata.it/news/archive/2014/

http://www.berlinale.de/en/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20147690#tab=filmStills

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20147690.pdf

http://youtube.com/w/?v=oT8o0brb8kA

http://www.welt.de/wissenschaft/article124255258/Dr-Caligari-laesst-den-Schlafwandler-wieder-morden.html

http://www.tagesspiegel.de/berlin/64-filmfestival-in-berlin-die-berlinale-ist-voellig-von-der-rolle/9443634.html


Offenlegung/Disclosure: Jean-Pierrre Gutzeit ist Vorstandsmitglied der Berliner Vereins „Kinomuseum Berlin e.V.“, der sich u.a. der Wahrung und Zugänglichmachung einer historisch-kritischen Aufführungspraxis des Kinos im 20. Jahrhundert widmet.
Spenden für das Kinomuseum Berlin sind willkommen und nötig, siehe hier:
https://duskofdigital.wordpress.com/2014/01/27/raume-der-dunkelheit-in-berlin/

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