Warum Digitalisierung Filme nicht rettet

http://www.n-tv.de/technik/Warum-Digitalisierung-Filme-nicht-rettet-article12085591.html

Dieses Fernseh-Interview auf n-tv vom 6. Februar 2014 anlässlich des „Welttag des audiovisuellen Erbes“ der UNESCO klingt oberflächlich vernünftig, was die gezogenen Schlussfolgerungen aus der technischen Entwicklung und Lage für eine Überlieferung von audiovisuellen Werken angeht. Andererseits widerspricht es diametral Äußerungen der vergangenen Jahre, die, auf Konferenzen und Symposien abgegeben, eher – paraphrasiert wiedergegeben – so klangen: „Wenn wir uns angesichts von Youtube u.a. nicht den Menschen öffnen, werden wir eines Tages als fossillierte Sammler und Exoten verlacht werden, die in einem kleinen Raum eine Büchse öffnen und dort etwas herausholen, womit keiner mehr etwas anfangen kann“.

Das im Interview sich zeigende Gottvertrauen in „gesicherte Rechenzentren“ – je staats-, banken- und versicherungs-näher desto sicherer gesichert –, scheint mir auch am entscheidenden Punkt vorbeizugehen und damit eine grundlegende und gravierende Fehleinschätzung zu sein: „Digitalisate, also digitalisiert vorliegende Filme, müssen in gesicherten Rechenzentren archiviert werden.“

Denn auch das gesichertste und ‚mündelsichere‘ Großrechenzentrum ist abhängig vom Komponenten- und Verschleiß-Austausch sowie dem durch den technischen Fortschritt bedingten Technik-Generationswechsel (derzeit binnen zwei bis fünf Jahren) — und damit als Archillesferse, bedingt durch die globalisierte Arbeitsteilung aufgrund kapitalistischer Skalierungseffekte, zusätzlich aufgrund des bereits vollzogenen Einebnens von entsprechenden Produktionsstrukturen im Binnenland – eben auch abhängig von einem funktionierenden Welthandel auf der Basis konvertierbarer Währungen und des dadurch ermöglichten internationalen Zahlungsverkehrs der BIZ/BIS. Das vollkommen ‚gesichert‘ erscheinende Rechenzentrum ist also aufgrund seiner Skalierung und des dadurch ermöglichten Konzentrationsgrades der Allerhöchste und Alleranfälligste aller denkbar prekären Orte für die Archivierung von Digitalisaten. Dem wäre nur mit einer „Store-and-Ignore“-Technologie zu begegnen, die – sofern sie digital bleibt unter Umgehung einer Re-Analogisierung bei Digitalisaten – wiederum eine technisch-materielle Infrastruktur der „Elektronischen Daten Verarbeitung“ (EDV) benötigt und vorzuhalten hat, für die gerade die oben skizzierten Bedingnisse des globalisierten Welthandels gelten. Ein Mikroskop zum händischen Auslesen von Bits ist keine Lösung. Ergo: auf „gesicherte Rechenzentren“ zu wetten, ist oberflächlich gut klingende Augenwischerei.

Dürften wir insgesamt dieses Interview also auch als eine Art Reaktion auf die verunglückte Petition „Filmerbe in Gefahr“ vom Jahresende 2013 verstehen ?


NB: Im Vorgänger-Blog „Berliner Kinoperspektiven“ zählt der Tagungsbericht „Langzeitarchivierung: Optische Speicherung von Digital-Daten auf photo-chemischem Mikrofilm mit Silberbasis“ vom 29. Mai 2009 bis heute insgesamt 5.413 Einzelabrufe:

http://kinoberlin.blogspot.de/2009/05/langzeitarchivierung-optische.html

Zum behandelten Themenkreis siehe auch den Beitrag „Filmarchive in der digitalen Herausforderung“  vom 29. April 2009:

http://kinoberlin.blogspot.de/2009/04/filmarchive-in-der-digitalen.html


Update 27. Februar 2014, 23 Uhr 13, ein Update mit dem Thema „Warum Rechenzentren äußerst prekäre Orte für die mittel- und langfristige Aufbewahrung von Wissen in digitaler Form sind.

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