Blog-Kino: „Alles ist gut“ (D 1985, 15 min., Web-Premiere)

30 Jahre ist es nun her, dass ich an diesem Filmdebut arbeitete. Ich hatte mein Fotoprojekt „Friends – Lichtbilder von Menschenseelen“ in der Berliner Galerie Eylau’5 im Frühjahr 1984 vorgestellt und abgeschlossen. Die Gesichter sagten viel, aber sie sagten eben auch nichts. Ich wollte erzählen lassen und hatte Berry Bermanges „Four Inventions For Radio“ von 1964/1965 Anfang der 1980er-Jahre im SFB-Rundfunk gehört. Das war Inspiration genug für Stimmcollagen. Aber nur Stimme war mir auch zu wenig, zu wenig Visuelles für einen Fotografen, der gerade an der Lette-Fotoschule gescheitert war und sie geschmissen hatte. Im Kino hatten mich damals „Sans Soleil“ von Chris Marker und „My Dinner With André“ von Louis Malle extrem begeistert und dann auch entschieden geprägt. So kamen verschiedene Motivationen in „Alles ist gut“ als Konzept und Dramaturgie schließlich zusammen.

Wir hatten „Alles ist gut“ Ende November 2013 beim 10-jährigen Jubiläum der Cinebar Paradiso bei Ingrid und Eberhard Nuffer in Stuttgart wieder ausgegraben; neuerdings hatte auch der damalige Kameramann Markus Bollen wieder nach diesem essayistisch-
experimentellen Dokumentar-Kurzfilm gefragt. So will ich ihn gerne nun online stellen und digital frei verfügbar machen. Sicht- und vor allen Dingen hörbar ist der Fakt, dass sich „Alles ist gut“ nun ein Re-Mastering der Tonspur auf der Basis der Originaltonband-Aufzeichnungen sowie eine digitale Retouche auf der Basis eines Neu-Scans des Super-16-mm-Originalnegativs mehr als verdient hat. Ich will sehen (und hören), was sich machen lässt; Updates zu diesem Prozess werde ich hier verlauten lassen.

Einen Film „Alles ist gut“ zu betiteln – Nomen Est Omen – hatte seinen Grund, und zwar begründet auch in der Tücke des Objektes, man könnte auch sagen: im Material-Widerstand der analogen audiovisuellen Produktionsbedingungen mit Filmmaterial und Tonband. Markus und ich drehten mit der ersten regulär in Deutschland bei Arnold & Richter in München anmietbaren Super-16-Kamera, die wir über die damalige Dependence „Intervision Cine Rent“ am Ernst-Reuter-Platz in Berlin-Charlottenburg per Luftfracht aus München hatten kommen lassen. Die Luftfracht kam einen Tag verspätet an, jeder Miettag kostete ein künstlerisches Geld-Vermögen, so waren nur kurze Tests und Messungen am Auflagenmaß und zur korrekten hyperfokalen Distanz möglich. Man wollte schließlich mit den Optiken ein scharfes Bild erzielen. Dass eine ARRI-Kamera – wir drehten mit einer umgebauten SR – Filmnegativ nicht zerkratzt, sollte man voraussetzen können, war dann aber zu viel vorausgesetzt. Anscheinend gleitete KODAKs Farbnegativfilm besser durch die umgebauten (?) Filmkufen der Kamerafilmführung; unser ORWO-NP55 wurde jedenfalls – wie deutlich sichtbar wird – auf der Schichtseite vertikal geschrammt. Wir hätten uns doch besser eine Aaton aus Paris kommen lassen sollen. Jedenfalls hatte durch diesen Vorfall auch der Glanz von ARRI bei mir deutliche Schrammen bekommen. Auch in München wird nur mit Wasser gekocht, wußte ich anschließend.

Das ORWO-Schwarzweissmaterial war ein vermeintlich guter Material/ Filmentwicklungs/ Arbeitskopie Kombi-Deal mit dem Kopierwerk von Herrn Rings, Film 16 Rings, den ich auf einer Photokina der frühen 1980er-Jahre kennenlernte, und der mich mit rheinischer Frohnatur sofort davon überzeugte, dass ‚alles kein Problem‘ sei. Bis dann der Ilford HP5 in 16-mm-Konfektion (einseitig perforiert) für die Tanzszenen in seiner Entwicklungsmaschine stehen – oder sollte man sagen: stecken – blieb (es gab wohl Stromausfall oder der Film ist gerissen), jedenfalls sieht man es dem Material ebenfalls an. Meinen zweiten Kurzfilm „Zeichen und Wunder – ein Film ohne Ton“ (mit einer Bolex-H16 Federwerkkamera und in N16 auf Kodak-s/w-Negativ) habe ich dann via Herrn Probst bei SCHWARZFILM in Ostermundingen bei Bern entwickeln und bearbeiten lassen.

Am derzeit schlechten Ton bin ich höchstselbst nun Schuld: die Überspielung von Spulentonband auf Perfoton hatte ich eigenhändig im Überspielstudio vom Tonmeister Oberle in Steglitz durchgeführt und dabei kräftig die Höhen angehoben. Denn ich hatte – ohne Erfahrung – noch Detlef Mähls Diktum in den Ohren, dass man gegen das Lichtton-
Rauschen und gegen die abgeflachte Frequenzkurve des Lichttons die Höhen anziehen muss. Das war mit 16 db deutlich zu viel des Guten. Die Sache verschärfte sich auf den 16-mm-Reduktionskopien mit Lichtton (COMOPT) nochmals.

In meiner Studentenbude in der Kaiserin-Augusta-Allee in Berlin-Charlottenburg stand alsbald dann ein gewichtiger, gebrauchter 4-Teller-Steenbeck-Tisch, den mir Herr Lehrke, als damaliger Berliner Repräsentanz von Steenbeck, vermittelnd verkaufte. Mit etwas (ziemlich teurem) Feilen am Bildfenster – einschließlich Versatz und Neuzentrierung des Prismenkranzes, damit das ganze Filmbild etwas kleiner auf dem Schirm sichtbar werden konnte – wurde dann aus einem Normal-16- ein Super-16-Schneidetisch. Allerdings ging meine Kalkulation dann auf, dass sich Super-16 („Wozu braucht man das?“, hörte ich oft, wie das so ist, wenn man seiner Zeit voraus ist) schließlich durchsetzen würde. Und so konnte ich den Steenbeck 4-Teller S16-Schneidetisch nach einiger Zeit schließlich ohne Verluste wieder an andere Filmemacher veräußern. Ohne einen solchen Schneidetisch konnte man schlecht einen Film editieren: wie soll so etwas auch anders gehen? AVID war noch 4 Jahre entfernt in der Zukunft. – Als Erinnerung blieb mir der Drehstrom-Anschluss in meiner Wohnung, den man glücklicherweise von der Steigleitung her hatte legen können.

Premiere feierte der Film zusammen mit meinen Freunden im Vorführraum des Berliner Trickfilmstudios im Atelier von Thomas Wilk, der auch die Filmtitel mit seiner Krass-Trickfilmkamera aufgenommen hatte. Die derzeit vorliegende Videoabtastung hatte AVP von einer COMMAG-Reduktionskopie in München auf DV vorgenommen. Alles in allem hat das Projekt damals rund DM 10.000,- gekostet, für die ich durch meine Arbeit in Berliner Werbeagenturen gespart hatte. Filmförderung und der Filmschulen-Overkill war Mitte der 1980er-Jahre noch eine Zukunftsvision. Ich wählte die „Learning by Doing“-Methodik. Und ich habe dabei ziemlich viel gelernt und vor dem Film-Handwerk enormen Respekt bekommen. Nach 30 Jahren wieder aus dem Archivschrank hervorgeholt, finde ich den Film ziemlich frisch, um nicht zu sagen – zumindest für die drei Dekaden seiner bisherigen Existenz – ziemlich zeitlos. Der Aufwand und Ärger hat sich dann doch gelohnt. Mal schauen, was heute aus dem Filmmaterial technisch durch Remastering und digitale Retouche noch herauszuholen ist.

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