Kanonisierungswahn im Archiv-Kabinett des Dr. Caligari

Jan-Christopher Horak hat sich am 28. Februar d.J. in seinem Blog als Leiter des UCLA Film & Television Archive in Los Angeles zur jüngsten Restaurierung des deutschen Filmklassikers „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und zum Kanonisierungswahn im deutschen, öffentlich geförderten Restaurierungsbusiness geäußert:

„As I wrote on my Facebook page, I caused a mini scandal at the discussion, because I dared to ask why the Germans spend millions of Euros repeatedly restoring the five great German classics, while literally hundreds of German nitrate prints from the silent era rot in the archives in Germany and abroad..“

http://www.cinema.ucla.edu/blogs/archival-spaces/2014/02/28/zerstörungswut-saving-german-silent-films

und empfiehlt die Unterzeichnung der Petition „Filmerbe in Gefahr“.

Das verstehe ich nicht:

Wie soll angesichts des ungelösten Langzeiterhalts und überhaupt des mehr als fragwürdigen Speicherproblems von Datenkonvoluten (siehe andere Postings zum Thema hier im Blog) Digitalisierung für eine Bewahrung des Filmerbes – außer einer Augenblickserregung – hilfreich sein ?

Wie kann man als Fachmann die Unterzeichnung dieser Petition – die Augenwischerei betreibt – ernsthaft empfehlen ?

Wieso unterbleibt die Bemerkung, dass zur feierlichen Uraufführung des frisch restaurierten Werkes ein läppisches HDCAM-Videoband als Aufführungsquelle diente ?

Wieso bemerkt anscheinend niemand, dass auch in diesem Falle anscheinend keine Sicherungsnegative oder -positive (von Farbauszugs-Negativen, wie in den USA üblich, erst gar nicht zu reden) von den neuen Digitalisaten gezogen wurden ?


Update 04. März 2014, 19.33 Uhr:
Klaus-Martin Boese bemerkt zu diesem Themenkreis heute im deutschen Filmvorführer-Forum:

„…von der neuen Caligari-Fassung gibt es keine analogen Materialien. Kein Positiv, kein Internegativ, keine Sicherungskopien. Hat sich bisher aber keiner für interessiert. Ich war jedenfalls der Einzige, der diesbezüglich mal bei der Murnau-Stiftung angefragt hat … 🙂

Quelle: http://www.filmvorfuehrer.de/topic/18956-restaurierter-dr-caligari-vorgestellt/page__st__40#entry221819

Seine dortigen Ausführungen mit vier Thesen zur Klarstellung des entsprechenden Diskurses sind sehr lesenswert.

HDCAM bezeichnet übrigens einen Gattungsbegriff verschiedener HDCAM-Videoformate, sowohl magnetband-basiert als auch datei-/codec-bezogen, ähnlich wie
u-matic einen Gattungsbegriff darstellt und die Videoformate u-matic Lowband (wie es später erst so bezeichnet wurde), u-matic Highband, u-matic Highband Superiour Performance (HB SP) sowie PCM-Audioaufzeichnung auf der Videospur einer u-matic Videokassette (die frühe Digitalaufzeichnung für die Audio-CD) beinhaltete. Lt. Berlinale-Katalog 2014 kam eine HDCAM-SR-Wiedergabe bei „Caligari“ zur Aufführung. Ob dabei die Derivate SR-SQ, SR-HQ oder SR Lite benutzt wurden, ist nicht publiziert worden. Für die Verwendung eines HDCAM-SR-Bandes kann es viele gute Gründe gegeben haben, zum Beispiel, aus einem einzigen Videoplayer heraus sowohl die Live-Veranstaltung wie auch das Fernsehbild für arte synchron zu bespielen. Allerdings bleibt in Ermangelung eines 2K- oder 4k-fähigen videoband-basierten Systems ein „läppisches Videoband“ eben ein läppisches Videoband, wenn 4k oder 2k Datenkonvolute aus der Restaurierung als vorführbare Master bereit stehen. Hört man sich an der Westküste der USA unter Filmprofis (z.B. bei Drehbuchschreibern) um, so hört man öfters die Verwunderung darüber, dass speziell in Deutschland bei period movies an der entscheidenden Stelle am Geld gespart wird, um die Illusion eines period movies perfekt und glaubhaft zu machen. Auch mir scheint bei einer so festlichen Live-Aufführung des „Remasterings“ eines angeblich so bedeutenden Filmkunstwerks der Vergangenheit hier wieder am Geld gespart worden zu sein, um der Festgemeinde etwas (auch technisch) Würdiges und Besonderes vorsetzen zu können. Vom eigentlich „bildgebenden Element“ der Veranstaltung wollen wir besser erst gar nicht anfangen zu reden…

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