Hauke Ritz

Hauke Ritz

Das Interview von Paul Schreyer mit Hauke Ritz bei Telepolis vom 17. September 2014 ist in vielerlei Hinsicht extrem bemerkenswert und sehr relevant in seiner Analysetiefe für ein aktuelles Verständnis der akuten Europäischen Krise im Besonderen und der Krise der Westlichen Welt im Allgemeinen.

Es begleitet die Buchpublikation von Hauke Ritz mit dem Titel „Der Kampf um die Deutung der Neuzeit“, in dem die geschichtsphilosophische Debatte des 20. Jahrhunderts in Deutschland auf der Basis von Religionsphilosophie grundsätzlich befragt und neu belebt wird, indem auf das Wirken des Philosophen-Triumvirats Picht-Heinrich-Taubes rückbegründet und damit eine fehlerhafte Kanonbildung einer ’nietzscheanisch ausgeleierten‘ Geschichtsphilosophie korrigiert wird.

Allerdings greift der Rückgriff bis auf die Vorsokratiker im geschichtlichen Zeitstrahl noch nicht weit genug in die Tiefe der Geschichte zurück, was der Umstand verdeutlicht, dass Picht mit „Glaube und Wissen“ den mythischen Gestaltkreis der Pole zwar methodisch aufgreift, die Berliner religionswissenschaftliche Schule um Klaus Heinrich und Hartmut Zinser zwar dem „Mythos wieder zu seinem Recht“ verhelfen möchte, aber gegen eine regressive „Remythisierung“ eintritt; sich dann allerdings der Psychoanalyse als Methode bedienen muss, um das Fortwirken des mythischen Gestaltkreises domestiziert analytisch zuzulassen.

Denn wenn man nur bis zu den Vorsokratikern zurückgreift, dann kann man den derzeit im Aufkommen zu beobachtenden „imperialen Polytheismus“ zwar erkennen, nicht jedoch in seiner Wirkungsmächtigkeit stoppen bzw. bannen. Es stellen sich dann verquere Heilungsprozesse ein, wie wenn man etwa in der Homöopathie auf Miasmenebene zu wenig tief greift , oberflächlich Symptome behandelt, und das Übel in seiner Tiefendynamik nicht wirklich heilen kann, sondern es auf den unteren Ebenen weiter schwelt.

In einer geschichtsphilosophischen Fundierung ist daher mindestens um ca. 100.000 – 200.000 Jahre weiter gattungsgeschichtlich erkenntnistheoretisch rückzugehen, was – bei aller zu konstatierenden Schwäche bei der Fragwürdigkeit der Quellenlage – zunächst auf die Geschichtsphilosphie von Jean Gebser verweist, die die Wirkung nicht nur des mythischen Gestaltkreises weiterhin in den Unterschichten (!), d.h. unteren Bewußtseinssichten/-strukturen, als wirksam erachtet, sondern auch die magische Machtdurchdringung als weiterhin gültig erachtet, mit der man in den höheren Bewußtseinsschichten in Form einer progressiven Regression umzugehen hat, andernfalls der generell zu beobachtende Umkehrschub einer regressiven Progression unter dem Banner des technischen Fortschritts direkt in die Sklaverei eines wild um sich schlagenden, im Untergang befindlichen, Imperiums erneut den Geschichtsprozess anheizt, ihn dadurch ob der technischen Möglichkeiten „verheizt“.

Es geht also nicht um die „gefährliche Aktualisierung einer mythischen Bewußtseinslage“ – wie Hauke Ritz konstatiert –, sondern um das Verstehen ihrer Permanenz und Omnipräsenz. Weil nur dann, wenn dem als Bewußtseinsebene (Gebser spricht von der „Bewußtseinsstruktur“), ja überhaupt als Bewußtsein stattgegeben wird, eben die „Wiederkehr der mythischen Versuchung“ keine mehr ist. Dafür benötigt man Methoden, die zumindest dem mythischen Gestaltkreis mit seinen Multi-Polen, eine Umgangsform mit ihm und eine Zugangsform zu ihm bieten. Astrologie und Homöopathie sind zwei Beispiele von bildgebenden Analogie-Methoden-Systemen, die eine solche praktische Hinführung bieten, in der Einheit von Wahrnehmung und Bewegung, ganz im Sinne von Viktor von Weizsäckers „Gestaltkreis“-Begriff. Darüber lediglich mittels scheidender, geschiedener Begriffe nachzudenken, hilft nicht mehr viel. Darin ist auch die Grenze der Erkenntnis für Academia angezeigt, wenn sie auf scheidenden, geschiedenen Begriffen beharrt, die die weiter wirkende Wirksamkeit der mythischen Multi-Polarität nicht in sich aufgreifen mögen, nicht aufgreifen können. Erst im Wahrgeben der magischen und mythischen Bewußtseinsstrukturen kann statt Regression eine integrale Bewußtseinsstruktur erarbeitet werden, wie sie Gebser sann.

Dies war ein Punkt, mit dem ich mit Prof. Hartmut Zinser während meines Studiums der Religionswissenschaft Anfang der 1990er-Jahre an der Freien Universität Berlin keine Übereinkunft erzielen konnte. Gebser war in Academia dort nicht zitabel, in der Kunstphilosophie an der Uni Oldenburg schon. Dass er, Zinser, mich während meines Studiums trotzdem über Astrologie forschen ließ und prüfte, rechne ich ihm noch heute hoch an, wie auch die Tatsache, dass er seinen Studenten stets heißen Tee in den Lehrveranstaltungen dieses „Orchideenfachs“ reichte. Dem Staunen über die Form, den Inhalt und die Methode der Universitäts-Vorträge (es waren eben keine „Vorlesungen“) von Prof. Klaus Heinrich an der FUB am Ende der 1980er-Jahre tat all dies im Übrigen keinen Abbruch. Wie auch das heutige Staunen darüber, dass die damaligen Kerninhalte der Studien bei Heinrich und Zinser sich nun im Zentrum einer Neubegründung aktueller Geschichtsphilosophie bei Hauke Ritz wieder finden, sich eingestellt hat. Dass Hartmut Zinser 2009 ein Buch über „Moderne Esoterik“ im Fink-Verlag veröffentlichte, das über den damaligen Erkenntnisstand und die entsprechende Einengung des Diskurses samt Methode nicht hinausreicht, finde ich schade, jedoch kritisch tolerierbar. Danke für den Tee!

http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/42/42791/1.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Gebser

http://www.jean-gebser-gesellschaft.ch/

http://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_von_Weizsäcker

http://www.hartmut-zinser.de/

http://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-4874-3.html

Foto-Quelle: Verlag Wilhelm Fink

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