Deutschlandfunk-Sendereihe zur Digitalisierung des Filmerbes

[aus laufender Korrespondenz]

Hallo Herr Alt,

ich habe an den DLF-DLRK diesbezüglich heute geschrieben:

Betrifft: Sendereihe „Filmerbe in Gefahr / Filmdigitalisierung“ auf DLRK

Ich bin promovierter Medienrestaurator (Dissertation in 2010 über die TED-Bildplatte von Telefunken-Teldec-Decca an der FAMU Prag) und verfolge mit Interesse Ihre Sendereihe zum Aufruf „Filmerbe in Gefahr“.

Ich habe mehrfach in den letzten beiden Jahren kritisch zu „Filmerbe in Gefahr“ Stellung bezogen:

https://duskofdigital.wordpress.com/tag/filmerbe-in-gefahr/

Insbesondere:

https://duskofdigital.wordpress.com/2014/02/19/warum-digitalisierung-filme-nicht-rettet/

https://duskofdigital.wordpress.com/2014/01/25/wollen-und-konnen/

https://duskofdigital.wordpress.com/2014/02/27/warum-rechenzentren-auserst-prekare-orte-fur-die-mittel-und-langfristige-aufbewahrung-von-wissen-in-digitaler-form-sind/

Die geplante Massendigitalisierung von analogen Filmwerken ist bestimmt eine gute Arbeitsbeschaffungsmassnahme für Filmarchive und Postproduktions-Unternehmen durch Subventionierung und Umverteilung.

Probleme löst sie nicht; im Gegenteil: sie verlagert Probleme als ungedeckten Wechsel auf die Zukunft und schafft jede Menge neuer Probleme.

Dazu gehört, dass die Produktionsform der Speichermaterie als Kernproblem komplett im euphorisch-alarmistischen Ton ausgeblendet wird: Speicherpreis würde anscheinend und scheinbar durch das ‚Mooresche Gesetz‘ einfach nur billiger, Speichermaterie sei quasi so ubiquitär wie Luft und Wasser vorhanden und so benutzbar; es sei genug für alle da. Jeder digitalisiert oder hat digitalisiert; da machen wir als Nachzügler mit.

Tatsache ist jedoch, dass nach obsolet gewordenen optischen Speichermedien, bei langsam als obsolet auslaufendem Magnetplattenspeicher die Chiptechnologie mit Flash-Speicher als Speichermaterie der Zukunft angesehen wird. Flash-Speicher wird jedoch eine stromlose Haltbarkeit der darauf gespeicherten Daten von nur 12 Monaten garantiert. D.h., man ist selbst ohne Nachschubproblemen bei der Hardware mit „Halbwertszeiten“ von 24 Monaten beim Technikwechsel stets auf Strom angewiesen, um die Daten nicht zu verlieren.

Zweitens bedingt die Flash-Speichertechnologie die Großskalierung, ähnlich wie die verflossene Filmtechnologie. Ohne Investitionen im Milliardenbereich pro Chipfabrik (€$) und verkauftem Produktionsvolumen im mehrstelligen Millionenbereich (Stück pro Jahr) kann diese Produktionsform der Massenskalierung bei der Herstellung der Speichermaterie nicht aufrecht erhalten werden, es sei denn, man ginge technisch wieder auf einen früheren Entwicklungsschritt zurück (Manufakturwesen aus der Chip-Anfangszeit, zurück von Terrabyte auf Kilobyte).

D.h., kippt der Welthandel, das Weltfinanzsystem oder der internationale Zahlungsverkehr (alle Zeichen stehen derzeit diesbezüglich auf Sturm) ist es um alle digital gespeicherten Inhalte binnen Monaten geschehen. Dem digitalen Speicher droht bei einem auch nur zeitweisem Versagen der Makro-Ökonomie die gleiche „Löchrigkeit“ des Systems, die auch die analoge Produktionsform bzw. technische Produktionskette in ihrer gesamten Komplexität nunmehr wegen fehlender Skalierungsgröße zerstört hat. Allerdings bei wesentlich kürzeren Haltezeiten der darauf gespeicherten Inhalte.

Das „Expertentum“ der FilmerbeinGefahr-Initiatoren und -Verteidiger müsste daher dringend hinterfragt werden.

Herzliche Grüße aus Potsdam
Dr. Joachim Polzer

Am 23.08.2015 um 20:48 schrieb Dirk Alt:

Liebe Kollegen und Bekannte,

vergangene Woche hat die Sendung „Fazit“ im Deutschlandradio eine > Reihe zur Digitalisierung des Filmerbes gebracht, die einige von > Ihnen gewiss verfolgt haben. In Anbetracht der Dringlichkeit einer > breit geführten Debatte um die künftige Filmarchivierung erlaube ich > mir ohne weiteren Kommentar den Hinweis, dass die im Rahmen der > Sendereihe geführten Gespräche auf der folgenden Seite nachgehört > werden können: >
http://www.deutschlandradiokultur.de/sendereihe-zur-digitalisierung-das-deutsche-filmerbe-in.1013.de.html?dram:article_id=328746 >
Zu meinem Beitrag nehme ich Widerspruch und Kritik, aber auch > Hinweise und Ergänzungen jederzeit sehr gerne entgegen. >
Mit Dank für die Beachtung und freundlichen Grüßen,
Dirk Alt

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