Geplante Obsoleszenz

Der Historiker Dr. Dirk Alt am 26. September 2016, um 14.41 Uhr, im Interview beim Deutschlandradio Kultur zum Thema „Filmarchive und Digitalisierung“, anlässlich der Tagung „Film:ReStored_01“ vom September 2016 im Berliner Filmhaus:

Link: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/09/26/filmerbe_erhalten_hilft_digitalsierung_wirklich_drk_20160926_1441_ab2bbc93.mp3

 

Jean-Pierre Gutzeit, Vorstand beim Kinomuseum Berlin e.V., kommentierte dieses Interview wie folgt:

„Es geht also um den Erhalt des Bundesarchiv-Kopierwerks, wie ich heraushöre. Strittig sind noch die tatsächlichen Verlustfaktoren bei der optischen Kopierung und andererseits der Ausbelichtung. Und die Frage der 35 Millimeter-Neukopierung zur Theaterkopie. Das habe ich im Interview ein wenig vermisst.

Vielleicht könnte man auch unterschiedliche Auffassungen noch deutlicher herausarbeiten, zumal ja der sogenannte Erhalt des Originals mittlerweile Konsens ist. Gemeint ist aber hier ausschließlich das Originalnegativ. Ich würde aber die Intermedpositive ebenfalls als Referenz erachten, was die geschlossene Lichtbestimmung einer Premierenversion anbetrifft. Für diese setzt sich keiner ein, weil man ja das Negativ scannt und dann neu und chic lichtbestimmt.

Mit folgendem Ergebnis, und das war dann ein beachtlicher Höhepunkt dieser Tagung: Martin Körber stellte mit der üblichen professionellen Weihe Regisseur Rainer Simon und das nun digitalisierte „Luftschiff“ vor – am Abend des ersten Tages.

Und richtete an ihn die Frage, wie ihm denn die jetzt digitalisierte Version im Gegensatz zur früheren 35mm Kopie gefallen würde. Erwartete die offenbar bekannte devote Danksagung vieler alter Regisseure, dass ihr Film noch nie so wunderbar ausgesehen habe. Simon antwortete nun, dass ihm eigentlich das Vorhaben ganz gut gefallen habe und er froh sei, wenn der Film überhaupt noch einmal zu sehen wäre. (Er und andere gehen wohl davon aus, dass Deutschlands Kinos kein 35mm mehr spielen können. Wird ja oft genug kolportiert.)

Und dann folgte eine deutliche Klage zum Endergebnis dieser Digitalisierung: „hätten Sie denn nicht einmal mich oder den Kameramann als Berater zu Restaurierung heranziehen können? Die Stimmung ist darin völlig verloren gegangen, gerade die Klinikszene viel zu hell.“ (sinngemäß von mir zitiert).

Worauf Körber sagte, dass man das vielleicht im Negativ nicht erahnen konnte. Simon erwiderte: aber in den 35 Millimeter-Kopien war das alles richtig, und auch im Duppositiv ist alles enthalten.

Darauf schaffte es Körber, sichtlich überrascht, noch zu einer Drehung: „die Kritik richtet sich dann also an die DEFA-Stiftung.“

So einfach kann man es machen. Der Saal war aber auch nur zu einem Viertel noch gefüllt, eine derart aufschlussreiche Veranstaltung interessierte offenbar kaum jemanden mehr.

Am kommenden Wochenende treffe ich Herrn Horwath in Wien und hoffe mit einigen ermutigendem Einsichten nach Berlin zurückzukehren.“

Joachim Polzer kommentiert, „my plane“:

Der Einwand von Herrn Gutzeit ist völlig berechtigt, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass der Behördenleiter des Bundesarchivs sich während seines Vortrags insoweit verplappert zu haben schien, als er die Verfügung über (und meinte dabei die „Kassation“ der) Doubletten an Benutzerstücken im BArch, also Positiv-Filmkopien, mit 1,8 Mio. Units als eine seiner nächsten Aufgaben ansprach, worauf – aus der ersten Reihe gesehen – die Schweißperlen von Herrn Rother als MoC zu erkennen waren, bloß kein neues Reizfass aufzumachen, bei dem Filmarchive generell erneut in den Verdacht geraten, mehr Material und Value zu vernichten als zu erhalten, geschweige denn zu schaffen.

In dem Moment, an dem die Produktionsstrecke des Filmkopierwerks komplett zum Erliegen kommt, wird jedes kleine Schnipselchen Film zur neuen „Nofretete“, siehe unten.

Dass der Behördenleiter des BArch sich in der Nomenklatura plötzlich ganz neuer Schaumbegriffe bedient, um trendy zu wirken, konnte man seinem, von ihm gebrauchten Wort „Materialgehalt“ entnehmen, das in diesem Zusammenhang der Trennung von „Buch“ und „Text“, von Material und Inhalten, nur die Kilo-Joule an Heizwert meinen kann, die im Material liegen, wenn man es in andere Aggregatszustände bringt, siehe oben.

Dass man im Übrigen in Deutschland eine Quasi-Restaurierungs-Digitalisierung eines Film-Kunstwerks ohne die in den USA obligatorische Hinzuziehung von Regisseur und/oder Kameramann – sofern diese noch leben – und ohne Hinzuziehung aller verfügbaren Referenz-Positive durchzieht, ist schon ein starkes Stück. Wie ich schon andernorts schrieb:
Einmal mit Profis arbeiten!

 

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