La La Land

Die Oscars 2017 drohen demnächst. Angesichts der emotionalen Spannweite zwischen „La La Land“, „Manchester By The Sea“ und „Hacksaw Ridge“ sind die Filmwerke ein Abdruck, ein Ausdruck dieser zerstörerisch-destruktiven Zerrissenheit der US-Gesellschaft. „A Country Made By War“ (C. W. Mills) agiert in der im Film dargestellten Kriegshandlung seinen Ursprungsmythos aus, will mittels dieser Duplikation wieder zu sich selbst kommen. Nur klappt das mit Krieg eben nicht. Terrence Malick hatte das mit „Thin Red Linie“ wenigstens verstanden, Michael Cimino mit „The Deer Hunter“ ebenfalls. — Zur Abwechslung hier eine Filmrezension von Oliver Glasenapp als Gastbeitrag:

Mel Gibsons jüngster Kreuzzug – das Kriegsdama „Hacksaw Ridge“

Nach zehn Jahren Pause auf dem Regiestuhl hat Mel Gibson wieder einen Film inszeniert. „Hacksaw Ridge“ ist einer der Oscar-Anwärter in diesem Jahr, nominiert für insgesamt sechs Trophäen. Den Film schlicht als patriotisch oder pathetisch zu bezeichnen, trifft das Problem dieses Machwerks nicht mal ansatzweise. (D-Start: 26.01.16)

Und der Priester sprach von seiner Kanzel: „Gebt euer Blut, um das Böse zu besiegen. Gott gibt euch die Kraft und wenn eure Körper schwach und verletzlich sind, dann rettet Desmond Doss Euer Leben. Also habt keine Angst. Krieg ist gut, Krieg ist wichtig. Kämpft, gebt Euer Blut und der Allmächtige wird Euch lieben.“

So in etwa könnte der Gottesdienst am vergangenen Sonntag gelaufen sein. In jener Kirche am Mulholland Highway kurz vor Malibu, die Mel Gibson einst bauen ließ. Dort feiern sie Gottesdienste nach dem Messbuch von 1962. In Latein. Weil Mel Gibson die Liturgieform des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 ablehnt. Jener Zusammenkunft der Bischöfe, die sich für Religionsfreiheit aussprach und für einen Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen. Für den oscarprämierten Regisseur muss das Konzil anmuten wie Sodom und Gomorrha. Selbst die Piusbrüder sind ihm nicht konservativ genug.

Die oben genannten Sätze könnte Mel Gibson aber auch selbst gebraucht haben, um seinen neuen Film zu pitchen. Man weiß es nicht. Klar ist nur: Mel Gibson hat es nach längerer Pause mal wieder geschafft jemanden zu finden, der einen seiner Kreuzzüge finanziert. Gibson führt mit der Kamera seit mehr als zwanzig Jahren eine Art christlichen Dschihad im Kino. Allerdings schickt der Strenggläubige seine Märtyrer nicht zu den Jungfrauen, sondern durch die Hölle. Den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace zum Beispiel in „Braveheart“ (1995), jener Film für den es gleich fünf Academy Awards gab, unter anderem für den Besten Film und die Beste Regie. Oder Jesus Christus in dem bluttriefenden Eucharistie-Spektakel „Die Passion Christi“ (The Passion Of The Christ, 2004). Nun führt Gibson einen anderen Strenggläubigen in die Schlacht um die japanische Insel Okinawa gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Gibson erzählt die wahre Geschichte des Siebenten-Tag-Adventisten Desmond T. Doss (gespielt von Andrew Garfield), der es ablehnt sich an der Waffe ausbilden zu lassen, aber unbedingt am Krieg teilnehmen will. Weil die Japaner durch ihr Vorgehen in Pearl Harbor deutlich gemacht hätten, dass man sie stoppen muss. Aber er will nicht als kämpfender Soldat helfen, sondern als Sanitäter. Für seine Vorgesetzten sind Typen wie Doss ein Dorn im Auge. Sie könnten die Moral untergraben, im schlimmsten Fall im Weg stehen, kurzum: dem Feind mehr nützen, als ihm zu schaden. Siebenten-Tag-Adventisten dürfen nicht am Samstag arbeiten, weshalb ein Offizier mal scherzhaft sagt, er werde den Feind bitten samstags jegliche Kampfhandlungen einzustellen.

Die Kommandierenden wollen Doss loswerden. Aber der geht bis vor das Kriegsgericht, wo ihm beschieden wird, dass ihm der Militärdienst nicht verweigert werden kann.

Bald kommt es zum Einsatz auf Okinawa. Die Männer sollen den titelgebenden Hügel Hacksaw Ridge einnehmen, unterstützt von schwerer Artillerie der Navy. Ein Kinderspiel sollte man denken, aber die Japaner sind gewieft, haben sich tief in den Boden eingegraben, feuern aus gut gesicherten Bunkern. Die angreifenden Amerikaner werden immer wieder zurückgeworfen und zahlen einen hohen Blutzoll. Man hätte daraus einen Anti-Kriegsfilm machen können: Über die Sinnlosigkeit der Eroberung eines Hügels wie Hacksaw Ridge im März 1945, als längst absehbar war, dass Nazi-Deutschland unterliegen und damit auch die Allianz mit den japanischen Verbündeten ein Ende finden würde. Doch Mel Gibson inszeniert an dieser Stelle ein Heldenepos. Zwar spart er nicht mit realistischen Darstellungen der Kriegsgräuel, zeigt detailliert wie Gewehre, Handgranaten und Flammenwerfer Körper durchsieben, zerfetzen und verbrennen, gießt Gallonen an Kunstblut über den Schauplatz und verteilt auf demselben abgetrennte Gliedmaßen und abgesprengte Unterkörper, aus denen auch gerne die Gedärme hervorlugen. So ziemlich jeder Splatterfilmregisseur dürfte neidisch werden angesichts dieses reichhaltigen Menüs von der menschlichen Schlachteplatte. Allerdings wird durch die variantenreiche Visualisierung des Todes noch kein Film, der sich gegen den Krieg wendet. Erst wenn er dem Zuschauer begreiflich macht, wie die Kriegshandlungen in die Köpfe der Protagonisten eindringen, wie sie von jeder Synapse Besitz ergreifen und die menschliche Seele allmählich in den Wahnsinn treiben, wenn sie jeden Gedanken an Gerechtigkeit und Ehrenmedaillen ad absurdum führen, weil selbst die tapfersten und stärksten Männer – die nicht von einer einzigen Kugel getroffen worden sind – am Ende eines Kampfes nur noch einen Haufen Elend abgeben, weil sie gespürt haben wie der Tod durch sie hindurch gekrochen ist, erst dann lässt sich getrost von einem Anti-Kriegsfilm sprechen.

Gibson hingegen lässt seine Männer keinen Moment zweifeln, dass die vor ihnen liegende Aufgabe erledigt werden muss, obwohl sie die Überreste der Kompanie gesehen haben, die direkt vor ihnen versuchte, den Hacksaw Ridge zu erobern. Nicht Angst und Zweifel sind ihre Begleiter, sondern Furchtlosigkeit und Patriotismus. Auf dem Plateau angekommen, werden sie von den Japanern in Stücke gebombt und geschossen. Rückzug. Nur einer bleibt: Desmond Doss. Weil er Gottes Stimme hört. Sie befiehlt ihm zu helfen. Ohne Waffe und bei höchstem Risiko durch Friendly Fire der Navy ums Leben zu kommen, kümmert er sich um die Schwer- und Schwerstverletzten. Bezeichnungen wie Held und Idiot liegen da dicht beieinander. 75 rettet er, bevor er sich selbst in Sicherheit bringt. Und als die restlichen Männer ein paar Tage später erneut den Hügel erklimmen, warten sie erst bis Desmond Doss zu Ende gebetet hat. Er ist jetzt der General, der Anführer, der persönliche Jesus für jeden Einzelnen. Und nun stürmen sie ganz anders. In Zeitlupe. Der Feind fällt wie Oktoberlaub. Die Japaner hissen die weiße Fahne. Doch das ist nur eine Finte. Natürlich. Denn die Japaner verkörpern ausschließlich das Böse, handeln in jeder Szene wie vom Teufel besessen. Jeder Zombie in „The Walking Dead“ trägt mehr menschliche Züge, als die Japaner wie Gibson sie sieht. Die US-
Soldaten inszeniert er dagegen als einen Stoßtrupp Exorzisten, der alles Teuflische austreiben muss und dem gar nichts anderes übrigbleibt, als die japanischen Körper zu vernichten, die sich von den Dämonen nicht befreien lassen.

Hätte US-Präsident Roosevelt diesen Film 1941 zur Verfügung gehabt – er hätte nicht Pearl Harbor gebraucht, um seine Landsleute von einem Kriegseintritt zu überzeugen.

Insofern ist das jüngste Machwerk Mel Gibsons nicht nur verquastes extremistisches Bibelgefasel, von dem sich sogar Erzkatholiken und Erzprotestanten längst losgesagt haben, sondern auch übelste Militär-Propaganda. Nur zu welchem Zweck? Donald Trump, da können wir sicher sein, dürfte der Film gefallen. Denn er macht America great again. Ob nun durch die Hilfe Gottes oder weil US-Flammenwerfer so zuverlässig braten wie ein texanischer achtflammiger Gasgrill, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist es ein Film, der die Amerikaner wachrüttelt, der sie bereit macht: Für das schier Unfassbare, für das Unmögliche, für das Wunder. Für das Wunder, einen vermeintlich unbezwingbaren Feind durch den festen Glauben an Gott doch noch zu besiegen. Gerne möchte man an dieser Stelle Trumps Gedanken über seinen geplanten Umgang mit den Chinesen lesen.

„Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ ist ein Film, der uns zeigen will, dass es notwendig ist Kriege zu führen, obwohl uns die Gegenwart das Gegenteil beweist. Aber für einen Kreuzzügler wie Mel Gibson ist es wichtiger den Zuschauer zu missionieren, statt ihn zu warnen vor den Verheißungen militärischer Machthaber und ihrer Instrumente. Gibson ist überzeugt, dass zum Glauben auch Leiden gehört. Bereits in „Braveheart“ hat er seinen konservativ katholischen Helden lieber zu Tode gefoltert, statt ihn um Gnade winseln zu lassen. In „Hacksaw Ridge“ quält er seinen Protagonisten, indem er ihm unmenschliche Anstrengungen abverlangt und gleichzeitig Gott bittet ihm noch mehr Kraft zu geben, um weitere Leben retten zu dürfen. Wallace, Jesus, Doss – sie sind alle Kinder des Allmächtigen und Mel Gibson sein selbst ernannter Propagandaminister.

Oliver Glasenapp

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