Berlinale 2017: PRESENCE IMPERFECT

Dank an Jean-Pierre Gutzeit für seinen Hinweis zu diesem Beitrag von Matthias Dell im „Freitag“ vom 13. Februar 2017 zur jüngsten Retrospektive der Berlinale aus dem Hause SDK zum Genre „Science Fiction“. Der Text trägt den Untertitel: „Eine lieblose Retrospektive und neueste Restaurierungen: zum Stand der deutschen Filmerbe-Debatte“.

Treffender und konziser kann man publizistisch die gegenwärtige Lage um eine lieblos kuratierte Retrospektive sowie zum Stand der deutschen Filmerbe-Debatte für ein kulturell interessiertes Feuilletonpublikum derzeit wohl kaum fassen.

Gleichzeitig ist dieser Text freilich auch ein Fanal für die minderwertig gewordene kuratorische Qualität vom Po-Platz und den Verlust der Pole-Position des Hauses im Darstellungswesen der (deutschen) Filmgeschichte der damit beauftragten Institutionen, nicht nur in der Bundeshauptstadt.

https://www.freitag.de/autoren/mdell/mangelhafte-zukunft

Zur im Text benannten, im Anschluss an die Berlinale im Zeughauskino anlaufenden und von Olaf Möller kuratierten Filmreihe über den bundesdeutschen Nachkriegsfilm noch zwei Links:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/das-kino-der-nachkriegszeit-es-singt-und-summt-die-welt/19435836.html

https://www.dhm.de/zeughauskino/filmreihen/zu-den-verhaeltnissen.html


Dass der Berlinale-Leiter und Chef-Kurator schließlich anlässlich der Eröffnungs-Gala fröhlich verkündete, dass er Kinos mit anderen Menschen drin als Zumutung empfindet, zugunsten seiner Heimkino-Erfahrung, ist anscheinend nicht nur mir als bedenklich erschienen:

https://www.freitag.de/autoren/mdell/dieter-kosslicks-mangelndes-gespuer-fuer-film/


Aus meinem Notizbuch zur Befragung der kuratorischen Qualität der diesjährigen Berlinale-Retrospektive:

Wie steht es eigentlich mit der Aufführungspraxis aus, der historischen oder digitalen ?

Gerade wenn man es mit den derzeitigen Anti-ebook-Mahnwachen in der Dt. Bibliothek vergleicht:

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/02/06/proteste_gegen_neue_ausleihpraxis_der_deutschen_drk_20170206_2326_22ac703a.mp3

Wenn ihm „Soylent Green“ so gefällt, warum traut Rother sich dann nicht, wie es lange Tradition der Retro war, zur Monothematik, z.B. „Die Gesellschaftsdystopie im (US-)Film der 1970er-Jahre“. Da könnte man dann auch „Coma“, „Logan’s Run“, „Westworld“/“Futureworld“, „Omega Man“, „Rollerball“, „The Andromeda Strain“ zeigen.

„Clockwork Orange“ läuft sinnigerweise als Hommage in der anderen Sektion der Retro.

Beim Thema „Anti-Ebook-Mahnwachen“ wäre „Fahrenheit 461“ nun wieder ein guter Companion zum 1956er „1984“ gewesen.
Zeigt man den 1956er „1984“, sollte Michael Radfords „1984“ von 1984 wiederum nicht fehlen (und der Werbespot von Apple aus demselben Jahr) – sowie die beiden TV-Vorgängerproduktionen aus den 1950ern.

Statt dessen wird also die fehlende, kontinuierliche Filmreihe zur Ausstellung als Retro nachgeholt (man war als Filmmuseum immer dort Stolz darauf, KEIN Kino zu haben), alles oberflächlich „zur Zukunft gehörig“, aber eben dadurch – in der Connection zur Ausstellung – auch sehr beliebig.

Rother schreibt im Programmheft: „…konzentriert sich auf zwei für das Genre wesentliche Themen: auf die »Begegnungen mit dem Fremden« und auf Entwürfe für eine »Gesellschaft der Zukunft«.“

Man verknüpft dabei zwei Dinge, die dem klassischen Sci-Fi komplett wesensfremd sind.

Eigentlich geht’s dabei im Kern um technologische und technokratische Zukünfte, um die Vision von Raumfahrten und um die (durch die Zukunftsvision) gespiegelte Reflexion auf jeweils gegenwärtige Wirklichkeiten.

Eine SciFi-Retro ohne „Forbidden Planet“? Ohne „Time Machine“? Ohne „50.000 Meilen unter dem Meer“?

Ohne „Conquest of Space“ ?

Ohne „Phantastic Voyage“ ?

Ohne George Méliès, Jules Verne und ohne George Pal ?

Ohne „2001“? – Ohne „Solaris“?

Was ist mit der Sci-Fi-Welle, die nach der Jahrtausendwende aufkam ?

Die Zeiten des Kalten Kriegs könnte man für Westblock und Ostblock dabei schärfer, mit mehr Beispielen, fokussieren.
Zu „BRIEFE EINES TOTEN MANNES“ von Lopuschanski gehört unbedingt die Paarung mit „STALKER“ von Tarkowski, da beide den Abdruck von Tschernobyl in sich tragen, der erstere zeitlich, der letztere räumlich.

Auch das Alien-Thema hat man sich, als zweiten angepeilten Aspekt, auf diese Weise im Verlauf der Filmgeschichte verschenkt. Denn dann wäre z.B. „Body Snatchers“ in den Remakes durch die Zeiten zu verfolgen/vergleichen.

Und zuletzt Deutschland: Warum ist Fassbinders „Welt am Draht“ und nochmal Fassbinder mit Gremm „Kamikaze 1989“ relevanter und im Retro-Kino präsentabler als „Das Blaue Palais“ von Rainer Erler? – Nur weil Juliane Lorenz den direkten Draht zum Po-Platz hat und Regina Ziegler zum Berliner Bestand gehört ?

Wenn man die DDR-SciFi-Filme (und „2001“) nicht mehr zeigen will und nur noch eine Gesprächsrunde darüber inszeniert, weil man sie 2009 in der 70-mm-Retro bereits zeigte, warum zeigt man dann den bereits auf der Berlinale 2010 präsentierten „Welt am Draht“ erneut ?

Die Liste der Verfehlungen wird bei mir immer länger.

Wie soll so etwas gehen und funktionieren ?

Die Kinos werden überfüllt sein und die Leute sehr zufrieden, wie immer auf der Berlinale…

Ich finde die Retro also wieder sehr oberflächlich und fragwürdig auf Publikumseffekt hin kuratiert.

Es ist nicht Aufgabe der Berlinale-Retro eine schlecht laufende Ausstellung aufzupeppen.


Jean-Pierre Gutzeit weiter zur Materiallage bei der diesjährigen Berlinale-Retrospektive:

PRESENCE IMPERFECT

„Ein unerklärliches Durcheinander an 35mm-Kopien und DCPs in dieser Retrospektive „Future Imperfect“ der Berlinale 2017, in der man sich doch fragt, warum in einem Falle DCP und im anderen 35mm gespielt wurde? Erklärungen gibt es eigentlich immer, aber hier gibt es keine. Oft sahen die eingesetzten Versionen schlechter oder im Look entstellter aus als die jeweils alternativ verfügbare Version des anderen Formats und umgekehrt. Ausgewählt wurde wie immer nicht nach Kriterien einer „originalen Anmutung“, sondern offenbar danach, ob ein zufällig angebotenes DCP in die Rubrik der „restored versions“ fällt oder ob eine 35mm-Kopie von Sauberkeits-Kriterien her gerade noch durchgewunken kann (und als historischer Platzhalter, als Alibi für echte Filmrecherche herhaltend?).

Ein wildwüchsiges Szenario: scheinbar will man von jedem etwas und es jedem recht machen. Jedem seine Rolle oder seine Platte: nach dem Würfelprinzip? Auch eine solche Vermutung: Möglichst nicht anecken, möglichst nichts Seltenes oder Herausfallendes vorstellen und erörtern: immer gleich die pflegeleichte Fassung anfordern, und falls wirklich mal jemand Kritik dran äussern würde, kann man sich darauf zurückziehen, man habe keine Kosten und Mühen gescheut, die vom jeweiligen Studio zeitnah verkaufte Fassung vorgeführt zu haben.

So macht sich eine Kinemathek zur Werbeplattform einer eigentlich interpretationsbedürftigen Studiopolitik und deren Verwertungs-Routine.
Und gibt sich als Museum auf.

35mm-Projektion jedenfalls führen die Veranstalter (zumindest seit den 70er Jahren, früher kenne ich sie nicht) durch lieblose Technik und unfreundliche Säle ad absurdum. Wer in Blackbox-Sälen des hiesigen Megaplexes sich wohl fühlt, den sollte man nicht aufhalten. Mir tut aber der Projektionist leid, wenn er zu dürftigem Lohn übermenschliche Leistungen vollbringt: von morgens bis abends unentwegte Schärfekontrolle und permanentes Nachziehen der schwimmenden Schärfe feinjustiert, eines Mangels, der apparativ hervorgerufen wird und verhindert werden könnte. Weil man ihm keine vernünftige Anlage hinstellt, muss das letzte Glied in der Kette die Ignoranz des Direktoriums ausbaden. Viele mir bekannte Kopien wurden noch in den 80er Jahren unkritischer projiziert: zwar noch mit alten Optik-Serien Cinelux Ultra MC und teils auf Bildwerfern mit gerader Bildbühne, aber ohne konstatiertes Schärfe-Schwimmen!

Dem Trauerspiel schliesst sich ein generell topfiger Ton an, verursacht durch einer nicht adäquate Monoton-Abtastung: so dumpf kenne ich die Filme aus früheren Vorführungen in keiner Weise. Warum sah man ausserdem diese klatschhellen oder kontrastlosen Filmkopien? Nur weil sie mechanisch sauber sind? Obwohl es andere gibt mit besserem Kontrast, besserer Farbsättigung und Schärfe? Manche Blu ray Disc desselben Filmtitels überragt dagegen haushoch.

Und umgekehrt: DCPs von Titeln wie BLADE RUNNER, wo doch jeder Heimkinofreak erschrocken war, wie sehr jüngste Digital-Versionen eine Abkehr und eine völlige Verdrehung vom Look der (nachwievor verfügbaren) Premierenkopien auf 35mm darstellen. Da kann man gleich zuhause bleiben.

Wundern tut es gar nicht, schob man doch schon zur „Technicolor“-Retrospektive im Vorjahr blaustichige Eastmancolor-35mm-Kopien (statt Technicolor) von GONE WITH THE WIND usf. ins Programm. Das Studio Warner bietet es halt so an als jüngste ihrer Nachkopierungen (so called restorations). Der Einsatz verfügbarer echter Archivkopien des propagierten Verfahrens in authentischer Anmutung würde ja auf Staatsarchive oder Sammler zurückgreifen. Nur haben diese keinen Vermarktungswert wie das idiotische Prädikat „Studio Print“. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Retrospektiven der Kinematheken zu reinen Video-Sessions mutieren.“

Jean-Pierre Gutzeit, 19.2.2017

 

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