„Er nannte sie Bolex“ – Filmtechnikgeschichte im Fernsehdokumentarismus

Die junge US-amerikanische Filmstudentin und Filmemacherin Alyssa Bolsey hat mit dem Dokumentarfilm „Er nannte sie Bolex“ (Erstsendedatum: 20.12.2017, Sender: arte) die Lebensgeschichte ihres Ur-Großvaters Bogopolsky – auch als Boolksy und Bolsey bekannt – ausgegraben und dargestellt.

Dabei verknüpft sie sehr elegant, dramaturgisch geschickt und ästhetisch ansprechend die Film- und Filmtechnikgeschichte im Besonderen mit der Familien- und Zeitgeschichte im Allgemeinen. Ein Glanzstück des Dokumentarismus. Der Dokfilm ist sehr gut kompiliert und geschnitten. Auch der kreative Umgang mit dem „Pillarboxen“ von historischem (Bolex-)Filmmateial bei 4:3 auf 16:9 ist sehr überzeugend.

Nicht nur, dass das Thema der alten Film- und Medientechnik bei ARTE anscheinend einen Platz gefunden hat (nach der VHS-Fan-Geschichte, Filmapparate-Geschichte, Pathe-Gaumont, Geheimnisse bei Psycho etc.), sondern auch die Machart des Films, das Verweben der Stränge, die Technik des Kameraherstellens, das Persönliche des Erfinders und seine (jüdische US-)Familie mit der künstlerischen „Rolle“ der Bolex (Wenders, Mekas, Hammer, Warhol u.a.) und der Bedeutung von Paillard-Bolex für den Amateurmarkt inklusive Geschichte von Paillard aus der (schweizer Präzisionsmaschinen) Feder-Aufziehmotor-Tradition von Spieluhr und Grammophon, das ist schon eine Leistung für eine TV-Doku. Meine Hochachtung für die im Film halt sehr jung aussehende Filmemacherin; die Selbstbespiegelung darf natürlich im Thema nicht fehlen. Die Einbettung des Spezifischen in die Fluchtgeschichten, Exilgeschichten des 20. Jahrhunderts zwischen 1. und 2. Weltkrieg und dem Danach ist, meiner Ansicht nach, bei diesem Werk voll gelungen. Auch dass den Erfinder-Tüftlern im Foto-Filmbereich in ihrer Zeit des 20. Jahrhunderts es gelungen war, gleich mehrfach bis zur Industriegröße Betriebe zu etablieren (und dann wieder zu verlieren), das ist zudem spannende Wirtschaftsgeschichte.

Der Film entstand wohl zunächst aus Selbstinitiative, aufgrund eines Nachlaßfunds durch die Ur-Enkelin, startete wohl mit Crowdfunding, und ist dann zur internationalen „Großproduktion“ mit Beteiligung von SRG und ARTE sowie anderer schweizer Institutionen (z.B. Cinemateque Suisse, Lotterie Romandie) gewachsen. Da kamen viele glückliche Momente bei der Finanzierung zusammen und ein untergegangenes Thema, das auf Ausgrabung harrte. Jedenfalls geht der Dokfilm qualitativ weit über das hinaus, was man von bisherigen Crowdfunding-Projekten gewöhnt war. Diesen Sprung zu schaffen, scheint mir eine eigene Qualität für sich zu sein.

Die Filmemacherin beschreibt eine Recherchegeschichte, sie war neugierig und hat viel ausgegraben und dargestellt. Und sie stellt unsere Gegenwart im Thema dar, wo es auch wieder zu Manufakturen und zur Manufakturgröße hingeht, was wiederum auch mit Kodak, als „Erfinder von 16mm“, und deren eher ärmlich und deplaziert wirkenden Ausstellungsstand auf der CES-Messe in Las Vegas 2018 zusammenhängt.

Anscheinend wollte die Geschichten der Familie Bolsey in unserer tollen, volldigitalen Zeit einfach bislang niemand sonst mehr hören. In den USA Nachfahre einer längst untergegangenen US-Fotokamerafirma („Bolsey“) zu sein, steigert das Erinnerungsvermögen in Sachen Oral History der beteiligten Familienmitglieder bestimmt auch nicht gerade.

Die „Abschussrampe“ des 2. Weltkriegs übrigens für den anschließenden, beschleunigten, wirtschaftlichen, technologischen Boom auf beiden Seiten des Atlantiks wird im Film recht deutlich. Dieses „Anschubsen“ haben in den USA z.B. Bolsey und Hewlett-Packard gemeinsam. Der dann im Raum San José statt gefundene Boom um Hewlett-Packard herum, unter dem Stichwort Silicon Valley, ist ja mehr als legendär und wird uns noch Jahrzehnte als Kommunikations-Welthauptstadt beschäftigen. Dass Bogopolsky früh zum Elektroauto geforscht und erfunden hatte, ist dann ja auch eher unter diesem Gesichtspunkt tragisch. Billige, gute Fotokameras herstellen konnten Japaner irgendwann besser. Nikon und SONY hatten zwar viel Glück mit dem Transistor, jedoch stets Pech mit Rechener-Chips und vor allem: Pech mit Software.

Es wäre jetzt eine gewagte These, zu sagen, dass die Software-Produktion deshalb in den USA so gut funktionierte, weil die Industrialisierung der Narration im Kinogeschäft Hollywoods schon rund 50 Jahre hat Wirkungen zeigen können. Sozusagen, als wäre die Taylorisierung des Geistes und der Kultur — als Urmodell bereits erprobt im der Herstellung und im Vertrieb von Kinoware — am Besten in Software aufgehoben.

Das Colorgrading des Films ist sprunghaft bei Zitatmaterial. Das lag bestimmt auch daran, dass man nicht immer und nicht mehr an alles Originalkameramaterial heran kommt und dann auf Fremdscans aus unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Quellen angewiesen ist. Ich finde, es ist ok, wenn man diesen Schauerlook dann nicht noch übertünchend harmonisieren will, sondern ihn so stehen lässt, weil auch dabei – selbst in einer Digitalabtastung – so der analoge Abdruck dranhaftet.

Die Bolex H16 stand, wie der Dokfilm sehr schön zeigt, noch sehr in der Tradition des Alles-in-der-Kamera-machen-Könnens. Die ARRI 16st hingegen war bereits auf linearen Rollenoutput ohne Mätzchen beim Drehen hin optimiert, weil man ja immer durch den Sucher schauen mußte.

Interessant natürlich dabei der Kontext, dass in der Frühphase viel in und mit der Kamera selbst passierte (Vertov!) und dies dann mit zunehmender Perfektionierung der Labore und Trickstudios in eine „Postproduktion“ abrutschte, aus der Filmemachen heute digital eigentlich ja nur noch besteht, weil heute noch nicht einmal ein Farbabdruck beim Drehen entsteht, sondern lediglich – beim Thema Farbe – eine algorithmische Farbsimualtion nach Bayer-Matrix in Helligkeitsabstufungen. Mit ein Grund dafür, dass die H16 heute noch aus ihrer Historizität heraus Bestand hat.

Dabei ist „Er nannte Sie Bolex“ sehr effektiv im Zeigen der „Zauberkunststücke“ zum Thema „Was die Bolex alles kann, damit sie zum Paradewerkzeug für Experimentalfilmer wurde“, z.B. Einzelbildbelichtung, StopMotion und Doppelbelichtung, hier gezeigt als zeitlich versetzte, motivlich gesteuerte, raumzeitlich „verzögerte“ Superimpression mehrerer Wendeltreppenabgänge übereinander. Könnerschaft im Handwerklichen ist dabei eine Frage der Wendeltreppen-Heruntergehkunst und der Materialbeherrschung an und mit der Kamera.

Mein Lieblingsfilm zum Thema „verzögerter Doppelbelichtung“ ist dabei „Pas des deux“ von Norman McLarren aus dem Jahr 1968; der machte das dann mit einer Oxberry, außerhalb der Kamera, und zwar sehr präzise und gekonnt.

Die maßgebliche Fernsehdokumentation zu diesem Themenfeld der Filmgestaltungsmittel ist immer noch:

http://www.filmportal.de/film/synthetischer-film-oder-wie-das-monster-king-kong-von-fantasie-praezision-gezeugt-wurde_a1591a6b22224ce8bafc210f04f316f7

Ausgraben sollte man dabei, in diesem Zusammenhang auch diesen Film hier:

http://www.filmportal.de/film/der-kleine-godard_94bf45a0355f4e5c930a8e6dc46fff75

Wie die (damals) experimentellen Filmkünstler Wenders, Hammer, Mekas etc. im Film bezeugen, war für sie (im Westen) die BOLEX H16 das Standardgerät, so wie für andere Zwecke an anderen Orten eben die ARRI oder ECLAIR oder AURICON oder KRASNOGORSK. Warum stand in Wenders‘ Düsseldorfer Second-Hand-Laden wohl eine Bolex H16 und keine ARRI 16st, für die er sein Saxophon eintauschen konnte? Sie war als H16 Modell der Übergang vom Amateur- und Reisefilm zur künstlerischen Avantgarde als primäres Arbeitswerkzeug und damit allgemein zugänglicher und verbreiteter als die professionelle Kameratechnik für die Film- und Fernsehindustrie.

Wie der Film sehr schön zeigt, waren die Bolex Kamerawerke als Manufaktur-Ausbaustufe des Erfinders Bolsey zunächst rein-Bolex, bevor in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten das Eigenkapital knapp wurde und ein Investor für Kapazität, internationale Expansion und Vertrieb her musste, der in Form von Paillard sich BOLEX als Firma, Person, Produktion und als Produkt einverleibte. Wie der Film zeigt, hätten es auch die AGFA-WERKE gewesen sein können. Paillard als Unternehmen wird in groben Zügen erklärt und besonders interessant dabei die musealen Fertigungauszüge der Zahnkränze, Bleche etc. Die Fertigungs- und Modell-/Typen-Geschichte von BOLEX bei Paillard wäre dann entweder ein komplett anderer Film geworden (so wie mancher Fan-Sammler der analogen Medientechnik sich dies vielleicht gewünscht haben mochte) oder wäre Bonusmaterial einer möglichen Disk-Edition dieses Bogopolsky-Films. Dabei hätte man die Perspektive des Dokfilms umkehren müssen und BOLEX nicht aus der Sicht der Erfinderbiographie, sondern als Unternehmensgeschichtsteil von Paillard beschreiben müssen, der ja auch aus ihrer Spieltruhen- und Grammophongeschichte auch schließlich zum Beispiel Thorens-Plattenspieler hervorgebracht hatte.

Wenn mir etwas in der Bolex-Doku zu kurz kam, dann eher das Paralaxenproblem der H16, gerade bei Makro- oder Nah-Aufnahmen, weil die BOLEX H16 jetzt bekanntermaßen keine Spiegelreflexkamera sondern eine Sucherkamera war. Dies scheint allen Beteiligten irgendwie keinen Kommentar wert gewesen zu sein.

Der Weg hin zur ARRI35 und dann zur Spiegelreflex-Weiterentwicklung ARRI16 als Fernsehfilmkamera mit Weiterverwendung bei den frühen Nachkriegsdokumentaristen des 16-mm-Zeitalters des beginnenden DirectCinema als lineares, motorisiertes, konsekutives Erlebnis – im Gegensatz zu den eruptiven und stets stoppenden Experimentalfilmern mit ihrer treuen BOLEX im Expeditionseinsatz, das wäre sicherlich auch ein wichtiger, vergleichender Exkurs gewesen, wenn es statt 52 min eben 85 min an Laufzeit gegeben hätte.

Wenn man die Doku verfolgt hat, weiß man, dass die BOLEX H16 a) eine STUMM-Kamera ist und b) dass sie laut ist und lauter Geräusche beim Betrieb macht.
Es ist recht selten, dass ein Protagonist, hier der gefilmte Andy Warhol, in einer Doku ON-SCREEN sich nach der Lautstärke der Filmkamera erkundigt.
Dass sie die Frage als Widerhaken provozieren kann, warum diese Szene verwendet wurde, obwohl sie schwerlich mit einer Bolex H16 gedreht werden konnte, ist eher eine Stärke des Film. Sie macht klar, dass die Kamera in dieser Szene keine BOLEX gewesen sein kann, wohl aber, dass Warhols „Screen Tests“ mit der BOLEX H16 auf 27-sek.-Basis gedreht wurden, weswegen das ja überhaupt ein Thema im Film wird, wahrscheinlich weil – wie er selbst sagt – Warhol während der Aufnahme der ScreenTests gar nicht durch den Sucher schaute, so laut war ihm die Bolex so dicht am Ohr. Nicht durch den Sucher während der Aufnahme schauen zu müssen, ist ein Vorteil von Sucherkameras, wo es keinen Lichteinfall „von der anderen Seite“ geben kann. Bei einer ARRI 16st musste man „klappen“, entweder eine Klappe auf den Sucher bei Nichtbenutzung rüberklappen oder – je nach ARRI-Modell – intern umklappen, damit Lichteinfall vermieden wird. Die Unsicherheit dort beim Augenabnehmen blieb, im Gegensatz zur Bolex H16, die – solange Zug auf der Feder – eben autonom lief. Das sieht man den Filmen, die mit diesen Kamerawerkzeugen gedreht wurde, an.

Der EmpireStateBuilding-Film von Warhol sieht und hört sich dann auch eher nach einer AURICON an, ebenfalls eine Sucherkamera. So kann man Filmgeschichte umkehren, wenn man nach den Abdrücken der Werkzeuge in den Werken forscht.

 

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