Das Tonstudio als Resonanzraum (für alles, vor allem für die Resonanz des Draußen nach Drinnen)

In ihrer Rezension für den GUARDIAN beschreibt Emine Saner am 11. Januar 2018 den 91-minütigen Dokumentarfilm „Hansa Studios: By the Wall 1976-90“ von Mike Christie als „resonant and romantic“. Beides stimmt, ersteres trifft den entscheidenden Punkt. Gegenstand dieses sensationell gelungenen Stückes Fernsehdokumentarismus ist in der Tat die Resonanz, für die ein Tonstudio immer schon stand, als Gebäude, als Behältnis. Die im Innenraum eines Tonstudio-Komplexes entstehenden Klänge resonieren mit dem Raum in dem Raum, in dem sie entstehen. Beides soll auf Tonträger gebannt werden und ein künstliches Tonwerk künstlerisch ausgestalten.

Die Abschottung durch dicke Wände als Dämmung des Draußen, damit nur kein tönendes Draußen hereindringt, scheint als Grundbedingung gegeben. Damit man Drinnen um so mehr, musikalisch ungestört, „Gas geben“ kann. Eigentlich eine Form von Hermetik.

Im Falle „Hansa Studios: By the Wall 1976-90“ zeigt sich für dieses Gebäude am (damaligen) Ende der Zivilisation West-Berlins genau das Gegenteil. Das Gebäude ging im Zeitraum von 1976 bis 1990 in die Resonanz des kommenden Endes zur metamorphosen-haften Verwandlung am entscheidend geomantischen Ort. Drinnen und Draußen verschwimmen ineinander. Von David Bowie und Iggy Pop, Depeche Mode, Nick Cave, Einstürzende Neubauten, bis zu REM und U2 haben sich die Musiker an entscheidenden Wendepunkten ihres musikalischen Werdens und ihres Lebenslaufs auf diese spezifische Verwandlungskraft dieses Raum-Ortes eingelassen, auch wenn es damals vielleicht (aus Vorahnung) nur ein „romantisches Gefühl“ war.

Der Film erzählt detailreich mit vielen Originaldokumenten in Bild und Ton diese Geschichte, wenn auch für den Vorlauf der Meisel-Schlager-Tonstudios ein früher Roland Kaiser herhalten muss und keine Alexandra, die – wie man von einer anderen Fernsehdokumenation her weiß – nur ein einziges Mal „Sehnsucht“ am ehemaligen und künftigen Potsdamer Platz ins Mikrophon singen wollte.

Am Exempel „Hansa Studios: By the Wall 1976-90“ wird in der audio-visuellen Rekonstruktion auch das untergangene West-Berlin pars pro toto wieder lebendig und seine stabilisierende Funktion des Unstabilen scheint so schrill deutlich wie die Musik, die erklingt. Zu den gezeigten Wandlungen gehört auch die Umstellungsphase von Magnetband basierter Analogaufzeichnung auf die zunehmende Einbeziehung von digitalen Samplings, demonstriert n.a. auf der Basis bandbasierten Soundgrabbings im westberliner Klang-Feld mit einem mobilen Stellavox-Spulentonband-Gerät.

„Hansa Studios: By the Wall 1976-90“ ist eine Eigenproduktion des SKY ARTS Produktionspools, hatte das legere Produktionsbudget, fast alle lebenden Künstler von damals nochmals in die (gewandelten) Räume zu bitten, um der Erinnerung Inspirationsraum, auch ein Resonanzphänomen, zu geben. Der Film hatte am 2. Todestag von David Bowie, am 10. Januar 2018, seine TV-Premiere. Sehenswert, bis 2021 auf den Demand-Abrufkanälen bei Sky. Man darf auf eine konservierende Disk-Edition hoffen.

https://www.theguardian.com/tv-and-radio/2018/jan/11/hansa-studios-by-the-wall-1976-90-review-the-most-thrillingly-creative-place-on-earth

http://www.sky.at/film/news/sky-arts-eigenproduktion-hansa-studios-by-the-wall-153138

https://www.rollingstone.de/tv-tipp-hansa-studios-by-the-wall-1976-90-auf-sky-1431139/

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