Im Kino geht ein Licht auf: Selbststrahler-Aufsicht statt Durchlicht-Reflexion

Ob im Kino ein durchlaufender, fixierter Filmstreifen oder aber ein fixiertes Panel mit elektronischer Latenz ein Bewegtbild erzeugt, war der Leinwand, die projiziertes Licht aus einer Optik kommend reflektiert, und den Zuschauern dieses Technikwechsels (vom Filmstreifen zur digital erzeugten Projektion) ziemlich egal.

Jetzt aber drohen erstmals statt Projektion und Reflexion auf der Kinoleinwand Selbststrahler-Wände als Bilderzeuger der Kinosituation. Das wäre die eigentliche Revolution des Kinos, wohl nicht zu seinem Besten.

Mit ihrer maximalen Strahlkraft von 100.000 bis 1.000.000 nits erreichen diese selbstleuchtenden Bilderzeuger die nötige Strahlkraft, um mit High-Dynamic-Range (HDR) in Farbe und Kontrast in einer Weise umgehen zu können, die die gegenwärtige Situation der elektronischen Bonbonfarben überwinden könnte, die einen fatal an die frühen Technicolorfilme ohne Farbenberater erinnern. Frau Kalmus lässt grüßen.

Wenn aber das Kino auf die seit seinem Beginn konstitutive Projektion zugunsten der jetzt aufkommenden Giganto-Fernsehschirme verzichtet, verliert es mehr, als es an Bilddynamik gewinnen kann. Denn schon werden Lichtsituationen im Kinosaal diskutiert, die einen mit „beautiful pictures in moderate ambient light“ eher an eine Lounge mit Bar denken lassen, denn an einen magischen, geborgenen, dunklen Höhlen-Raum, der das Kino in seiner Geschichte stets war. Dämpfung in diesem Sinne war der Sinn des Kinos, aller An- und Aufregung dort zum Trotz. Eine Blendung durch Licht war das Kinos bislang nie; es waren höchstens die Werke, die einen inhaltlich-formal auf Abwege führten.

Wahrscheinlich ist das Verlangen nach „moderate ambient light“ schon eine Antwort auf die neue Gewalt der Bilder „bigger than life and more than the human eye can see“. Denn dann ist nicht mehr das Auge das Maß der Dinge, sondern die als angenehmer gepriesene Relation zwischen diesen neuen bewegten Bildern der Dynamis und dem statisch-gedämpften Umgebungslicht. Im Lichtsturm der neuen Mega-Nits des Kinos halten die Menschen die Dunkelheit nicht mehr aus.

http://www.etcentric.org/hpa-2018-direct-view-cinema-displays-to-displace-projectors/#more-125558


Update: 24. Februar 2018
Michel aus der Schweiz kommentiert in einer Email dieses Posting:

Eine solche Wand wird gerade in Zürich installiert. Die Technologie ist Filmprojektion in jedem Fall weit überlegen. Und auch digitaler Projektion. Ob die Technologie missbraucht wird, bleibt abzuwarten. (Ambient light nach oben und superhelle Bilder würde ich im Kino strikt ablehnen.) Ein Argument dagegen ist es jedenfalls nicht. Es gibt weder ein spezifisches Farbproblem noch ein Helligkeitsproblem, da das System alles kann, was man bisher konnte, und halt noch mehr, wenn man will, nach oben (Spitzenweiss), nach unten (Schwarz) und in alle Richtungen (Farbraum). Wieviel man von diesem Raum nützt ist den Filmemachern überlassen. Darin hat die Vergangenheit und die Zukunft platz. Inklusive HFR, HDR, 3D. Ein viel sinnvollere Technologie als die alte. Ist doch idiotisch immer maximal viel Licht zu produzieren und dann das meiste mühsam wieder rauszunehmen um das gewünschte Bild zu erhalten (oder auch nicht, da Schwarz gar nicht geht, nur Dunkelgrau). Viel eleganter ist es, genau so viel Licht zu erzeugen, wie man gerade braucht. 🙂
Noch ein technischer Fehler: Die maximale Strahlkraft gemäss Standard ist 10000 Nits, nicht 100000 oder eine Million. Der mögliche Kontrast im Bild ist vielleicht 1000:1 (keine Zahlen verfügbar). Der On-Off Kontrast unendlich. Ideale Werte.
Endlich ist die Projektionstechnologie nicht mehr der Flaschenhals in der technischen Bildqualtät. Das war überfällig. Ich werde das bei mir installieren, wenn es bezahlbar ist und akustisch durchlässig. Das letztere ist im Moment nicht abzusehen. 😦


Update: 27. Februar 2018
Eberhard aus Stuttgart kommentiert in einer Email dieses Posting:

Schreckliche Vorstellung – und für mich der endgültige Untergang des Kinos: Ein riesiger Fernseher vorne. Früher hat das Kino versucht, sich vom Fernsehen abzuheben, heute kopiert das Fernsehen stilistisch immer mehr das Kino, und die Kinos schmeißen freiwillig ihr „magisches Rechteck“ weg, um es gegen einen Fernseher auszutauschen. Wer soll da noch hingehen und viel Geld dafür ausgeben?

Ich geh‘ jetzt schon nicht mehr besonders oft und gern in Kinos, nachdem es nur noch Digitalprojektion gibt, die Präsentation lieblos-automatisiert ist und man den Eindruck hat, das Hauptinteresse der Betreiber liegt darin, „Concessions“ zu verkaufen. Da kann ich mir die Sachen in vergleichbarer Qualität auch zu Hause anschauen – und im Zweifelsfall sogar den Abspann lesen, weil nicht ein Vordermann, der offenbar unter Buchstaben-Allergie leidet, schon beim ersten Namen aufspringt, um umständlich seine Jacke anzuziehen.

 

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