Ingmar Bergman @ 100 | The Bergman Centennial

Ingmar Bergman feiert dieses Jahr im Juli seinen 100. Geburtstag.
In New York City begeht man dieses Bergman Centennial bereits seit Anfang Februar und in den großen Unistädten der USA das ganze Jahr 2018 über. Ich bin gespannt, was man in Berlin von den 40 Neu-Restaurierungen des Schwedischen Filminstituts mit dem Bergman Estate zu sehen, und wie – in welcher Darbietungs-Qualität – man sie hiesig öffentlich präsentiert bekommen wird. Jedenfalls war es natürlich sinnvoll, in der Retrospektive zur Berlinale 2018, verantwortet von der SDK, statt Bergmann wieder, lieber Weimarer Kino neu zu entdecken. Sonst hätte man sich ja auch noch an die Spitze der Bergmann-Lokomotive gesetzt. Was in der Summe wohl bedeuten wird, dass man sich auf neue Bluray-Disks für konzentriertes und intimes Sehen bald wird freuen können.

„Das siebente Siegel“ von 1957 sah ich erstmals von einem 16mm-Print 1976 mit 14 Jahren im Kommunalen Kino in Stuttgart vor dem Umzug in den Kepplersaal des Planetariums, also noch im Studio der Langesgirokasse an der Königstraße. Diese erste Begegnung mit Bergman-Kino hat mir damals großen Respekt und auch das Verlangen nach Abstandhalten erzeugt. Den reifen Blick für Bergman sollte man sich durch Lebenserfahrung erst erarbeiten müssen.

„Das Schlangenei“ von 1977 habe ich heute erstmals gesehen: Die Darstellung einer in Berlin im November 1923 zerbröselnden Gesellschaft ist frappant: ökonomische Unordnung durch Hyperinflation, allgemeine Hoffnungslosigkeit und Verarmung, aber auch ein Glaube der Eliten an die Errettung durch die „Gestänge“-Technik. Social Engineering, Selbstoptimierung durch andere: Ein Mix aus medizinisch verbrämten aber doch nur diabolischen Menschenversuchen – ideologisch an der fiktiv-geschichtlichen Vorstufe der Eugenik –, cinematische Ausspähung eines perversen Spanners auf institutioneller Ebene, der dort als etablierter „Profi“ in Leitungsfunktion all das tun kann, was man auf der Straße oder als Privatman sich nicht traut, auch weil man an eine Vielzahl von Opfern und Opferkandidaten für seine kriminell-perverse Übergriffigkeit auf diese Weise beruflich wesentlich besser herankommen kann und alles nach Außen zunächst trotzdem ordentlich und legitim erscheint. Wenn man nicht gleich allen die ganze Wahrheit vorab verrät, finden sich so auch Freiwillige, es dient ja dem vermeintlich medizinischen Fortschritt. Und dann die sehr deutschen Eigenschaft, alles in Akten zu gefrieren, bei gleichzeitig enthemmter Schrankenlosigkeit an Sex, Show und Drogen in allen Lagen der Gesellschaft. Man kann viele der aktuellen Debatten unserer Zeit, mehr als 40 Jahre später, im „Schlangenei“ reflektiert sehen. Was mit offenem Blick gesehen dieses Werk sehr aktuell und frisch erscheinen läßt. Die filmische Rekonstruktion des Jahres 1923 im Produktionsjahr 1977 – etwas mehr als 40 Jahre danach – geschah mit hohem Produktionsaufwand und ist stillistisch – im Gegensatz zu „Berlin-Babylon“ – sehr stimmig. Die Frauen von 1923 waren im Schönheitsideal sinnlich üppig. 2017 wollte man den Zuschauern das nicht mehr zumuten. Überschreitet man die Zeitgrenze von 50 Jahren im Abstieg der Zeitgeschichte zur nicht mehr erlebten Geschichte, werden Period Pieces heikel und sind der Gefahr einer lediglich historischen Folien-Bildung ausgesetzt.

Fröbe, der nach Kommissar Lohmann rufend ihm in der Figur des aus Sachsen stammenden, integeren Inspektors Bauer zuarbeitet, und Bennett, als verkörperte Abgrundtiefe des Klinikleiters Vergérus, spielen gradios. Auch durch David Carradine als US-amerikanische Artisten-Figur kann man „Schlangenei“ als eine weiterführende filmische Antwort auf „Cabaret“ von Fosse aus 1972 verstehen, dazu eine inhaltliche Prequel, wenn man so will, für Langs „M“ von 1931, gleichzeitig ein Nachhall auf „Peeping Tom“ von 1960 als Selbstreflektion des Autors, zudem sehr originell ein würdiger Vertreter des dystopischen Genres im Kinofilm der 1970er-Jahre und ein Urmodell für alles „Berlin-Babylon“, was danach kam. Die für den Film gebaute Berliner Straße auf dem Filmgelände Geiselgasteig lebte legendär in vielen weiteren Werken anderer Regisseure und Produzenten weiter. Einen weiterführenden Kommentar zur neuen Berliner Straße in Babelsberg spare ich mir hier.

„Aus dem Leben der Marionetten“ von 1980 habe ich letzte Woche erstmals gesehen: Eine dringliche Ermahnung, sich mit seelischen Konflikten auseinander zu setzten, statt sie in gesellschaftlich gefordertem Funktionieren (als Unternehmens-Manager, als Seelen-Arzt, als Modedesigner) zu vergessen und dann zu verdrängen. Sonst stellt sich Schuld für diejenigen ein, die sich als ‚Profis‘ keiner Schuld bewußt werden, weil sie ja nachträglich den Plot für’s Ganze in der Tasche und auf der Zunge haben und mit ihrem Wissen, Horizont und Können hätten eingreifen können, aber eben eigene Interessen verfolgten und dadurch schuldig werden.

„Persona“ von 1966 lief Anfang 2018 auf arte-TV, mit einer kontextualisierenden Begleitdokumentation. Man darf auch dort für 2018 auf Mehr hoffen.

Bergmans Filmkunst, speziell seit dem „Siebten Siegel“, ist Seelennahrung für zunehmend entseelte Zeiten der isolierten Einzelnen, darin auch in seiner übergreifenden Gesellschaftskritik bis auf Weiteres überragend zeitlos.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ingmar_Bergman

https://si.se/en/events-projects/ingmar-bergman-centenary-2018/

https://www.criterion.com/current/posts/5373-a-bergman-feast-at-film-forum

https://player.vimeo.com/video/248053963

http://www.vulture.com/2018/02/who-is-ingmar-bergman.html

https://www.newyorker.com/magazine/2018/02/12/film-forum-celebrates-ingmar-bergmans-centenary

https://www.artforum.com/film/tony-pipolo-on-the-centennial-retrospective-of-ingmar-bergman-74154

https://filmforum.org/series/ingmar-bergman-centennial-retrospective-series#now-playing


Update: 01. März 2018
Jean Pierre Gutzeit aus Berlin kommentiert in einer Email dieses Posting:

Danke für eine Rückschau und Würdigung zum hundertsten Geburtstag des schwedischen Filmemachers. Die Berlinale hat aber 2011 eine Bergman-Reihe gemacht:

https://www.berlinale.de/de/archiv/jahresarchive/2011/08_pressemitteilungen_2011/08_pressemitteilungen_2011detail_8148.html

Wieder einmal überstürzt und ohne den background der internationalen Szene, aber sie konnten es behördlich abhaken.

Die Wiederentdeckung von Weimar schon 2018, die tatsächlich eine lang angelegte Film-Genrereihe der Kinemathek seit Jahrzehnten infolge des Grundauftrags darstellt, ergab sich meines Erachtens wieder aus dem Bestand der geschäftlichen Verwertungsmöglichkeiten soeben eingereichter Restaurierungen, die als Zugpferde für die Beschleunigung der Digitalisierung eingespannt werden. Daniel Kothenschulte, ansonsten ein Kenner und Verteidiger der traditionellen Aufführungspraxis, hat diese mehrheitlich digitale Retrospektive über Weimar hoch gelobt und den Wettbewerb verdammt. Wie zuvor schon angeführt fand ich die Thematik jedoch voraussehbar und berechenbar, zudem in jetzt zumeist digitalisierter Form austauschbar (und fortan besser in heimischen Blu-ray Kinos aufgehoben, fern der störenden Einflüsse multiplexöser Umgebungen). Besuche von Retrospektiven in solchem Format, da sie eine ahistorische Aufführungspraxis bedienen, sind des Eintritts nicht wert. Die Entdeckung neuer Stile und Filmsprachen in den anderen Festivalsektionen sind mittlerweile eindeutig vorzuziehen.

 

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