Das Aufsichtskino des Selbststrahlers ist da !

Am heutigen Donnerstag startet in Zürich europaweit der erste Kinosaal mit DCI-zertifizierter (= kinotauglicher) Videowand statt Projektion, mit Beginn des regulären Spielbetriebs am Freitag. Unter dem Markennamen „Onyx Cinema LED“ des Herstellers Samsung wird auf 10,30 Metern Bildpanelbreite eine Horizontalauflösung von 4096 Pixel (4K) geboten. Die maximal dort anzusteuernde Leuchtdichte wird mit 500 nits angegeben. Die beiden vorausgegangenen Installationen befinden sich in Seoul (in der Nähe des Herstellers) und in Shanghai – nix L.A., von wegen. Als welterste Installation wird in Zürich auch „True 3D“ als brillenbasierte 3-D-Technik zusätzlich auf CinemaLED-Panelwand erprobt. Die Technik gilt bereits allen bisherigen Projektions-Techniken laut den technischen Parametern als überlegen, verabschiedet sich jedoch nach 123 Jahren von der Kinoidee als Platos Höhle. Es handelt sich hierbei um eine technisch-apparativ bedingte, zäsurhafte Revolution des Kinos, die vor unseren Augen gerade stattfindet.
Das Kinobild entsteht nicht mehr in der Dunkelheit des Kinosaals durch vom Zuschauer gesehen rückwärtige Anstrahlung einer weißen Bildwand in Frontprojektion, sondern erwacht in der Fläche aus der Schwärze des Nichts bei gleichzeitiger Option des Umgebungslichtes. Auf das Lichtpotential für einen Betrieb bei Umgebungslicht im Videosaal wird in den ersten Berichten (siehe Links) bereits hingewiesen. Eine höchst ambivalente Angelegenheit. Ob man das wirklich noch Kino wird nennen können? – Es gab 2010/2011 damals Meinungen in der Branche, dass die Umstellung von filmstreifenbasierter Kinoprojektion auf digital-elektronische Projektion mit dem Wegfall des tradionellen Umlaufblenden-Flackerns bzw. -Flimmerns (bedingt in der Mechanik des Filmprojektors) bereits an das Dauerlicht des „Großbildfernsehen“ erinnere. Der Trend dürfte sich jetzt noch verstärken, weil durch die neue Technologie zusätzlich auch noch in die Architektur der Baustruktur eines Kinos eingegriffen werden kann: die Projektionskabine entfällt. Das Kino wird vollends ferngesteuert, auch seiner Baustruktur nach. Argumentiert wird zudem mit der Ökologie der Stromverbrauchs-Reduzierung, einem eigentlich ökonomischem Argument. Als ob man sich den Luxus des Kinos nur mit Einsparung legitimieren könne, dann aber nach spätestens 10/11-Jahren alle Panel auf den Elektroschrott wird werfen müssen, dem Ende ihrer Haltbarkeit. Wir erinnern uns an die alten Kinomaschinen, die im Zweifelsfalle seit den 1930er-Jahren bis weit in die 1970er-Jahre haben halten können, oder von den 1950ern bis in die späten 1990er. Prinzipiell kann ein motorgetriebener und auf Lichtton umgebauter Filmprojektor aus den 1920er-Jahren auch nach fast 100 Jahren im Kino-Museum heute noch zeigen, was er kann. Wir sind damit auf die Zukunft der Elektronik in ihrer Vergangenheitsform sehr gespannt.

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Cinema-LED-Screen-Erstes-europaeisches-Kino-mit-Bildwand-statt-Projektion-4000157.html

https://www.arena.ch/de/sihlcity/kinoinfos/onyx-cinema-led

https://duskofdigital.wordpress.com/2018/02/23/im-kino-geht-ein-licht-auf-selbststrahler-aufsicht-statt-durchlicht-reflexion/


Update: 22. März 2018
Jean Pierre Gutzeit aus Berlin kommentiert in einer Email dieses Posting:

Die Fernsehtechnik ist die ökonomische stärkere und historisch ältere als die nur temporär seit 1895 auftretende Kinematographie. Letztere schuf erst mit Filmband auf Zahnkränzen die Durchsetzung aufwendiger Lichtspiele und vereinheitlichter Produktionstechnologie für theaterbasierte Langzeitauswertungen, verheiratet wiederum mit abgedunkelten Versammlungsräumen aufgrund begrenzter Lichtreserven.

Mit Ende der klassischen Kinematographie endet auch die bürgerliche Repräsentationsstätte und das Ornament der Masse spaltet sich konsequent ab von theatraler Schaukultur, die von einigen wenigen Privilegierten einst aus dem Zirkuswesen heraus erschaffen wurde. Verlässt das Ornament, folgend der Digitalisierung, den kinematographisch erschaffen Versammlungsraum, enden neben einem tradierten mittelständischen Gewerbe auch frühe religiöse Fundamente der spätbürgerlichen Gesellschaft, etwa die auratische Anmutung des Schauerlebnisses oder der kirchliche Ritus der kollektiven Versammlung vor einem Altar, respektive der Leinwand im Lichtspieltempel. Die Durchsetzung des Smartphones ist hierfür der einschneidendste Beweis.

Die selbststrahlende Kinobildwand, zum Schein nur der modernste Ausläufer der hehren kinematographischen Idee, holt in erster Linie den technologischen und distributiven Vorsprung auf, der durch eine sich deutlich rasanter entwickelnde Industrietechnologie des Flachbildschirms entfesselt worden war und verpflanzt das Konsumideal der technologischen Vereinheitlichung („HD = true life in perfection“) in den antiquierten Kinosaal. Damit hält das Kino mit, mit dem Fortschritt der Gesellschaft, ihrer Produktions- und Reproduktionsweise, die digital verlaufen soll: bis hin zur Schaffung des künstlichen Menschen übrigens.

Unter kapitalistischen Vorzeichen wirkt die selbststrahlende Bildband implizit auch mit an der Auflösung das Kinosaals, wobei der Wegfall des Bildwerferraums nur die der erste Teil der Etappe ist. Denn Digitalisierung verheißt außerdem die große Markterschließung der day-and-date Starts aktueller Filme. Damit zerbricht dann auch das Angebotsmonopol der Filmtheaterauswertung auf immer – und eine düstere Prognose zu formulieren ist legitim: das Kinosterben scheint unter dem Primat des Marktliberalismus, gekoppelt an den digitalen Mahlstrom, unvermeidlich. Die Schaubude als Relikt der Vergangenheit weicht neuen Facilities des Immobiliengewerbes. Der „Bildschirm überall“ in fortan ungeahnten Dimensionen schafft auch neue Stadtlandschaften, kühner, totaler und radikaler als ihn sich die Visualisten des Hollywood-Films Blade Runner (oder totalitäre Systeme) jemals haben vorstellen können.

Rascher noch als Filmtheaterbetriebe werden sich Messen, Shopping Malls, Bahnhöfe, mittelständische Showrooms, Sportstadien, moderne Kirchen, Großkonzerte, Kunstinstallationen oder die War Rooms in Verteidigungsministerien auf die selbststrahlende Wand stürzen – sobald sie bezahlbar ist.


Update: 26. März 2018
K. M. aus Potsdam kommentiert in einer Email dieses Posting:

Habe nach dem kurzen Clip gesucht, in dem Tarantino seine pessimistische Meinung zur Entwicklung des Kinos mitteilt:

Link https://www.youtube.com/watch?v=BON9Ksn1PqI

Gut, der Mann gehört zu einem einem kleinen Zirkel, der noch Film auf Zelluloid drehen kann ohne ins Armenhaus zu kommen.

Denke, dass diese Leinwand nur ein weiteres Puzzleteil im großen Kinosterben sein wird. Interessant ist, dass was auch Jean Pierre Gutzeit meint, diese Leinwände könnten im Prinzip im gesamten urbanen Raum aufgestellt werden und den „klassischen“ Kinosaal zum Relikt werden lassen.

Ehrlich gesagt, ich bin früher, also im Jugendalter noch oft ins Kino gegangen. Im Erwachsenenalter immer seltener. Für mich hat es aber eher mit Menschen zu tun, mit denen ich im Kinosaal zusammensaß. Respektvolle Stille, Internaliersierung, das Interesse an einer gemeinsamer Erfahrung ohne Ablenkungen, das ist für mich verloren gegangen.

Seither schaue ich Filme fast ausschließlich allein in meiner Höhle. Seltener zu zweit oder in einer Gruppe, wobei das mit den richtigen Leuten auch Spaß machen kann, wobei dann öfter auch mal der Beamer zum Einsatz kommt für das Heimkino.


Update: 28. März 2018
Stefan aus Berlin kommentiert in einer Email dieses Posting:

Das ist auch nur eine weitere Form der technischen Transportstruktur. Früher als physikalischer Träger ins Kino geliefert, findet sich die elektronische Form der Filmdarbietung in der Erzeugung eines Bildes im Haus.

Ob man das Fernsehgroßstube nennen will, sei jedem anheimgestellt.

Einer meiner Freunde, Prof. Putnies, beschäftigt sich mit der Geschichte des Tonfilms, dessen Beginn nach Versuchen um 1930, und dessen Ende um 1965/66 mit dem Aufkommen des „Autorenfilms“ und der vollständigen Anbiederung der Produktion an das Fernsehen erfolgte.

Fernsehen und Kino sind vollständig inkompatible Medien, nicht technologisch, weil beide die Präsentation audiovisueller Inhalte zum Zweck haben, sondern vom Aufbau der Inhalte her. Film wird im abgedunkelten Raum mit großem Bild und großem Ton geboten, zur gezielten und von anderen Reizen ablenkungsfreien Aufnahme durch den Zuschauer.

Fernsehen, seit seinerm Aufkommen mit Aufnahme des „ersten Fernsehdienstes der Welt durch die Reichspost 1935“, war ein Medium, welches sehr zum Leid der Macher überwiegend von einer 3-4A Gruppe genutzt wurde. (Arme, Alte, Asoziale und später Arbeitslose). Fernsehen wurde immer für das kleine Bild und den kleinen Ton komponiert, und zum Nebenher im beleuchteten Raum vorgesehen. Eine gezielte Konzentration war nicht vorgesehen.

Würden wir diese Strukturen beibehalten, Filme ausschließlich für die Rezension im abgedunkelten Raum zu produzieren, die Trennung von den Interessen der Audiovisionsvermarkter vornehmen, dann wäre es egal, ob der Transport der Bild- und Toninformation über Filmband und Projektor, Projektor mit digital moduliertem Lichtstrom, oder direkter Bilderzeugung durch selbstleuchtende Oberflächen erfolgt.

Das Problem ist nicht die Technik, das Problem des Kinos sind die fehlenden, artgerechten Programminhalte.


Update: 30. März 2018
Michel aus der Schweiz kommentiert in einer Email dieses Posting:

Wusste gar nicht, dass Annihilation nicht ins Kino kommt. Wäre hingegangen.
Na dann halt die UHD für mich. Freu mich schon. Netflix und Streaming können mir gestohlen bleiben!

Dem Beitrag von Stefan stimme ich zu. Das Problem ist nicht die Kinotechnik. Die war nie besser als heute. Das Problem ist der Einfluss der völlig unfilmischen Abspielvarianten mit Mikrobildschirmen und kastrierten Quellen, konsumiert an den ungeeignetsten Orten (Iphone, Ipad, Laptop… bit starved image and sound via streaming, im Zug, im Auto, in der hellen Stube etc.), die dann auch wieder einen Einfluss auf Form und Inhalt der „Filme“ haben kann. Andererseits gibt es auch die relativ grossen TV Bildschirme (>= 55 inches) und all die Heimkinos mit ordentlichen Leindwänden und Soundsystemen, die Gegensteuer geben.

Es bleibt interessant zu sehen, wo sich das alles hin entwickelt.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Verknüpfungen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.