Christopher Nolan restauriert Stanley Kubricks „2001“, eine Metaphysik eigener Art im Subkontext

Christopher Nolan ist farbenblind auf der Farb-Achse Rot-Grün.

In den Foren zum jüngsten „2001“-Relaunch im 50. Jahr des einflussreichen Films taucht die Frage auf, wie man so jemanden die photochemische Restaurierung dieses Filmklassikers anvertrauen kann, zumal das berichtete Ergebnis von grün-gelbgrüner Farbstichigkeit bis hin zu braunem Farbsumpf zeugen soll.

Ich nehme an, dass der Kopierlicht-Bestimmer, der Color Timer, im Filmlabor Fotokem in Los Angeles eine harte Zeit hatte, das Schlimmste zu verhindern, nicht nur mit beeinträchtigtem – weil altem, ausgeblichenem und gelittenem – Ausgangsmaterial, sondern auch mit einem in seinem Sensorium beeinträchtigten Restaurierungs-Supervisor zu arbeiten.

Nun wissen Menschen mit Einschränkungen im körperlichen Bereich, wie sie damit öffentlich umgehen müssen, um über die eigene Klippe beruflich hinwegzukommen, und beziehen ihren Malus mit ein in ihre Lebenskalkulation (und eben auch in ihre Kunst), aber eigentlich alle Filmwerke von Nolan turnen geradezu auf dieser Farbskala, die er gar nicht sehen kann, wohl um seine Blaulastigkeit als Hauptfarbwahrnehmung zu kompensieren. Es bewahrheitet sich die sprichwörtliche Annahme vom blinden Künstler im visuellsten Medium. Was vom Turnen ziemlich schnell zum Abturnen führt. Er sieht es für sich richtig, weil wir seine Farbenwelt falsch sehen. Nolans Filme laufen verkehrt rum, als unfreiwilliges Vexierspiel, darin zwanghaft und verstellen den Blick, der bei Kinowerken unverstellt sein sollte. Dass es sich dann auch inhaltlich-dramaturgisch verquast, ist davon ein Nebenprodukt.

Das wiederum wäre nun eigentlich ein Fall mehr für Monty Python, Loriot und Alexander Kluge.

Auf jeden Fall wird das aber auch ein „Case“ werden für Akiwiwa, denn die seltsame Farbenwelt in den Filmwerken von Nolan ist länger schon ein Thema in afilmcinado-Foren.

Eine „state of the art“ Restaurierung von „2001 – A Space Odyssey“ unter Anwendung von Digitaltechnik (8K Scans vom OCN und 4K Mastering) bleibt damit bis auf Weiteres ein Desiderat. Noch fragt sich, auf welcher Basis im Herbst 2018 die 4K Digitalisat-Auslieferungen als DCP und UHD erfolgen werden.

Mal abgesehen von der biographisch vernichtenden Einschätzung über Kubrick seitens David Thomson, der die metaphysische und kulturkritische Qualität des Werkes als besonders dünn bewertete und es als weiteren Beleg für den Aufstieg des modischen Set Designs wie des „fotografischen Optikfetischismus“ zur Verschattung der Lebenserfahrung beim Regisseur betrachtete. Je besser und ausgefallener die Optik-Linse und ihre Sammlung (als Gegenstands-Kollektion wie als Verdichtung des Lichts), desto unschärfer wird die Lebenswahrnehmung.

Eine Verschattung, eben auch als Lebenspraxis, die als OEuvre-Finale schließlich zur Verfilmung von Schnitzlers „Traumnovelle“ führte: Gegenstand ist dort die seelische Verschattung im Verdrängen unter bestimmten historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen und deren Eigenleben im Entdeckungszeitalter dieser Lebensdimension. Thomson beschreibt Kubricks Verfilmung darin als besonders irritierende „Travestie“ zum Fremdschämen und Wegsterben – und eben als Indiz wie sehr sich der reklusive Regisseur vom Leben entfernt hatte, überhaupt keine Ahnung von der menschlichen Essenz wie Existenz hatte, geschweige denn von Figurenführung, woran er da wieder über mehrere Jahre gebrütet, recherchiert und gearbeitet hatte, konnte nur Leute vor der Kamera quälen und in die Scheidung treiben, etc… Schlimmer noch, so muss man heute in Ergänzung zu Thomson hinzufügen: die Verwechslung von Objekt und Subjekt auf Seiten des Regisseurs und, damit zusammenhängend, das vollkommene Scheitern auf der ganz banalen Basis der Transkontextualisierung: Wie bringt man das Substrat eines historischen Stoffes und seiner Wahrheit wie auch seine damaligen Relevanz in die Gegenwart?

Der Titel dieses letzten Filmwerks von Kubrick zeigt als Ikonoklasmus die Ambivalenz auch hier, beim Duopol von Sehen und Nichtsehen, und ist zugleich verräterisch für die Seelenverwandtschaft von Nolan und Kubrick:

EYES WIDE SHUT

Insofern ist „Cruising“ von William Friedkin aus den späten 1970ern das wahrhaftigere Erlebnis zum Thema, auch wenn dessen Director’s Cut noch nicht das Tageslicht aus den Darkrooms der Filmarchive gefunden hat. Dunkel als Verschattung des Lichts: Das Dunkel der Darkrooms, das Nichtsehenkönnen der verdrängten Bereiche, wenn man sie denn kennt und spürt, wie auch das Dunkel des Kinos sind verführerisch und gefährlich zugleich, das Sinnbild des Triebhaften, der Getriebenen.

Nichts davon findet sich in der schauspielerischen Leistung und der Regieführung bei Kubricks letztem Werk. Die Hauptdarsteller sind in der filmischen Situation von ihr komplett überfordert. Sie haben keine Ahnung, was man von ihnen eigentlich will, nur Sydney Pollack macht eine gute Figur, wie immer, weil er der bessere Regisseur von beiden ist. David Thomson hält Cruise, gemeint ist der Tom, und Nicole Kidman für begabte Schauspieler, was ich nun wieder sehr irritierend finde, wie auch die Tatsache, dass Thomson im Kubrick-Artikel kein Wort über „Barry Lyndon“ fallen lässt, Kubricks bestes episches Filmdrama, über Mächtigkeit und zunehmenden Machtverfall, in seinem schmalen Gesamtwerk. Sein Schlüsselwerk, aus gegebenem Anlass. Noch dazu eines, das die Optik-Linse vom Weltraum in die Vergangenheit als Erfahrung von Fremdheit zurück richtet, weil das Licht, das von dort kommt, so schwach leuchtet wie das Licht fremder Galaxien und diese damalige, sinnliche Erfahrung von Schwachlicht zu einem Zeitalter geistiger Größe des „Enlightenment“ führte, das zugegebener Weise seine energetische Reibung an Macht und Krieg der sich bildenden Nationalstaaten erfuhr, dessen Verfalls-Krise wir heute erfahren müssen, die Kämpfe um den Machterhalt im Machtverfall. „Barry Lyndon“ behandelt ein heute brandaktuelles Thema, noch dazu in hermeneutischer Methode, zugleich spielerisch, tänzelnd.

Immerhin dürfen nunmehr auch die beiden in der damaligen Schattenwelt von Kubrick über lange Zeitstrecken arbeitenden Assistenten in aktuellen Dokumentarfilmen ihr Eigenleben führen und berichten, mehr von Kubrick als von ihnen selbst.

Geschrieben zwischen den Finsternissen des Jahres.
Erde, Sonne, Mond und Sterne. Siehe 2001.

https://variety.com/2018/artisans/production/christopher-nolan-2001-a-space-odyssey-1202811669/#article-comments

https://www.quora.com/Is-Christopher-Nolan-color-blind

https://www.movienco.co.uk/news/5-actors-directors-who-are-colour-blind/

https://variety.com/2018/film/news/stanley-kubrick-2001-a-space-odyssey-imax-1202892054/

https://www.filmvorfuehrer.de/topic/27590-feiern-zu-50-jahre-2001-a-space-odyssey/

https://duskofdigital.wordpress.com/2018/04/02/50-jahre-2001-a-space-odyssey-seekrank-im-weltraum-zur-versions-und-restaurierungsgeschichte-eines-verfallenden-werks/

https://www.penguinrandomhouse.com/books/178394/the-new-biographical-dictionary-of-film-by-david-thomson/9780375711848/ http://old.bfi.org.uk/sightandsound/polls/film_books_topfive.php https://en.wikipedia.org/wiki/The_New_Biographical_Dictionary_of_Film

https://de.wikipedia.org/wiki/William_Friedkin

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