Hans Günther Pflaum

Die Editionsarbeit an dem Blogposting „Abgänge und Verabschiedungen 2018“ nimmt kein Ende. Heute habe ich den am 19. Dezember 2018 verstorbenen Hans Günther Pflaum hinzufügen müssen, auch eine nachrichtliche Verspätungsfolge von Paywalls und Übermittlungsblockern zum Beispiel der mittlerweile nur noch mit spitzen Fingern anzufassenden „Süddeutschen Zeitung“. Tobias Kniebes Nachruf auf den nach Arbeitsjahren längsten Filmkritiker des damals ernst zu nehmenden Blattes scheint mir in seiner Kürze eher ein „bad joke“ zu sein. Ich frage mich, ob es sich dabei nicht auch um eine generelle Darstellung von Marginalisierungserscheinungen der Filmkritik in deutschen Tageszeitungs-Redaktionen handelt – oder ob es sich dabei gar um ein spätes Echo der verlagsinternen Auseinandersetzungen und Querelen um einen als widerspenstig, kantig und knorrig wahrgenommenen Journalistenkollegen handelt. Man kann es freilich auch als Pflichtübung über einen alten Kollegen auffassen, der „aus der Zeit gefallen schien“, weil er die Moden und Wellen der Zeiten nicht mitmachen wollte.

Hans Günter Pflaum war mir als Publizist deshalb wichtig, weil sein Werkstattbuch über RWF mit dem Titel „Das bißchen Realität, das ich brauche“ aus dem Jahre 1976 eines der ersten selbsterworbenen, deutschsprachigen Filmbücher war – in einer damals noch extrem kargen westdeutschen Filmpublizistik-Landschaft. Es ließ einen aus Erstsicht in die Produktionsverhältnisse des damals Jungen Deutschen Films Einblick nehmen. Heute stellt es ein zeithistorisches Dokument dar, wenn man beispielsweise nachlesen kann, wie ein mittlerer RWF-Film kalkuliert war. Mein zweites Filmbuch von 1977 war das Patalas-Buch als deutsche Ausgabe zu  Truffaut/Hitchcock „Wie haben Sie das gemacht?“. Auch Patalas ist letztes Jahr verstorben. Mein drittes Filmbuch war 1977 ein großformatiger, farbiger, schwerer Bildband über Disneys Werk und Leben. Damals gab es selbst bei Konrad Wittwer in Stuttgart vielleicht zehn Filmbücher im kombinierten Theater/Opern/Medien-Regal. Regal im Singular. Stuttgart war damals eine Peymann/Cranko-Stadt. Ein Jahr später, bei meiner ersten Reise nach London, konnte ich dann sehen, wie die englischsprachige Welt das Spektrum der Film-Publizistik bereits aufgefächert hatte. Jedenfalls war damals ein filmpublizistischer Aufbruch spürbar, auch die blaue „Reihe Film“ bei Carl Hanser kam auf. Peter W. Jansen war häufig im Fernsehen zu sehen und zu hören. Filmland Presse in München mit seinen Publikationslisten war für die damalige Weiterentwicklung der Filmpublizistik in Westdeutschland ein weiterer, wichtiger Mosaikstein.

Die zehn Jahre des von H.G. Pflaum herausgegebenen „Jahrbuch Film“ (1977 – 1986) brachten mir weitere, wichtige Erkenntnisse um die damals laufenden Auseinandersetzungen des Neuen Deutschen Films in einem insgesamt produktiven Umfeld. Ein heißes Eisen war damals der produktions-ästhetische Begriff des „Amphibischen Films“ mit dem damals auszuhandelnden FFF Film-Fernseh-Förder-Abkommen und der Filmpolitik rund um die noch relativ neue Filmförderungsanstalt. Aus FFF ist nun DFFF, Deutscher Filmförderfonds, geworden, als Zeichen der Zeitläufe. Rüdiger Suchsland hat jüngst im Deutschlandradio der deutschen Filmförderung „mafiöse Strukturen“ nachgesagt. Aus produktiven Zeiten werden unproduktive. Inzwischen wird offen ventiliert, die Filmfördergelder auf die Game-Instustrie mitaufzuteilen. Von der kulturell bedingten und der strukturell – durch den dysfunktionalen, föderalen Staatsaufbau – prädisponierten Unmöglichkeit, Film-Kunst in Deutschland als Kultur- statt als Warenform zu befreifen, davon handelten viele der Beiträge in Pflaums „Jahrbuch Film“-Reihe. Wenn man den heutigen Diskursstau auf seinen historischen „Straßenbelag“ hin überprüfen will, ist man gut beraten, seine Publikationen erneut in die Hand zu nehmen.

Pflaums Filmportrait über RWF aus dem Jahre 1992 zum 10. Todesjahr von Fassbinder unter dem paraphrasierenden Titel „Ich will nicht nur, dass ihr mich liebt“ versuchte dann bereits eine historisch-kritische Einordnung des Phänomens RWF.

In seinem Fernsehgespräch von 2012 im alpha-forum zeigte sich jedoch dann auch Pflaums Verbitterung, dass die große Kino-Zeit von 1965 bis 1982 eben irgendwann vorbei war. Und wenn man in jungen Lebensjahren gleich von intensiven Zeiten stark geprägt wurde, erscheint einem vieles danach nur noch sehr fad, wie der Wiener sagen würde. Mit der Marginalisierung von Kino-Kunst im Besonderen und des Kinos im Allgemeinen gilt es heute umzugehen. Daran werde ich erinnert, wenn ich an Hans Günther Pflaum zurückdenke. Zu einer publizistischen Zusammenarbeit mit ihm ist es bei mir leider nicht gekommen. Ich hätte gerne seine Auffassung zum „Aufstieg und Untergang des Tonfilms“ mit im Buchtitel gehabt, Irland und Geldverdienen war ihm wichtiger, wohl wahr. Wobei ich vom Temperament her Filmpublizisten im persönlichen Umgang wenig schätze, die jagen, angeln oder Skat spielen. Mir kommen solche Freizeitaktivitäten immer wie ein Verrat an der Kino-Sache selbst vor, halte sie für eine ausgeprägte Form von Spießigkeit. Rühmann und Karajan sind lieber selbst geflogen. Wenn ich an der frischen Luft sein will, gehe ich mit meinem Hund spazieren und entdecke dynamisch mit seinen Sinnen meine mir durch Alltagsroutine unspektakulär gewordene Umgebung komplett neu. Aber Horst Stern war dann eben auch ein anderes Kaliber.

Einige Links mit Würdigungen zu Hans Günther Pflaum (ohne Paywalls und Übertragungsblocker):

Wilhelm Roth bei epd-Film:
https://www.epd-film.de/meldungen/2019/erinnerungen-hans-guenther-pflaum

Rainer Gansera beim filmdienst:
https://www.filmdienst.de/artikel/15054/hans-gunther-pflaum-1941-19122018

Peter Kremski beim vdfk:
https://www.vdfk.de/erinnerung-an-hans-guenther-pflaum-1941-2018-1566

Die Transkription des Fernsehgesprächs beim alpha-forum vom 10.12.2012:
https://br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/hans-guenther-pflaum-gespraech-100~attachment.pdf

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Verknüpfungen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.