„Caprice“ von Frank Tashlin aus dem Jahre 1967 mit Doris Day

Ich habe heute zum ersten Mal Caprice gesehen, 1967 herausgebracht, in der Regie von Frank Tashlin (1913 – 1972), mit Doris Day († 13. Mai 2019) und Richard Harris († 2002) in den Hauptrollen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Caprice_(Film)

Ich muß gestehen, ich kannte den bislang noch nicht – und erkenne erst jetzt, dass das Film-Duo aus Charade (1963) und Arabesque (1967) von Stanley Donen († 21. Februar 2019) hier zum Trio erweitert wurde, ein Follow-Up von Tashlin zu und gedreht nach Glass Bottom Boat (1966), zielt sowohl auf Donen als auch auf die damals noch frische aber boomende James-Bond-Serie mit ihren demonstrativ vorgeführten Schauplatz-Wechseln. Herr Bogner mit Skiszenen und das Schweizer Kleinstadtidyll mit Hinterzimmerlabor lassen ebenfalls grüßen.

Schon im Filmtitel als beschreibendes Substantiv verbindet Caprice sich mit Charade und  Arabesque, eine jeweils substantivierte, ästhetische Handlungsform.

Wikipedia sagt zu Cappriccio: „Als Begriff der Kunsttheorie bezeichnet es den absichtlichen, lustvollen Regelverstoß, die phantasievolle, spielerische Überschreitung der akademischen Normen, ohne die Norm außer Kraft zu setzen. In die Kunstgeschichte führte den Begriff Giorgio Vasari ein, der ihn für all das verwendete, was dem Kunstkanon seiner Zeit widersprach.“

Insofern passt der Titel mit seinem Triple-Triple-Triple Double-Cross auch inhaltlich. Nicht nur lag Triple Cross in der Luft, die Verfilmung in der Regie von Terence Young mit Romy Schneider aus dem Jahr 1966. Das mehrfache Frontenüberschreiten war damals in der Hochphase des Kalten Kriegs ein Topos, der nur zu gerne filmisch ausgekostet wurde. Es trainierte im Kino mental sozusagen für das, was jenseits von 1968 gesellschaftlich dann sich vollzog. Das ist etwas, das uns heute fehlt, weil uns das Kino als gesellschaftliche Macht und als Diskursraum der Gesellschaft abhanden gekommen ist, auch wenn es als Absatzmarkt noch da sein mag. Uns geht es heute gesellschaftlich deshalb so schlecht, weil uns das Kino in diesem Sinne abhanden gekommen ist. Es gibt keinen in diesem Sinne sinnstiftend übergreifenden wie welterklärenden-integrativen Diskursraum mehr.  Talkshows und Blogs sind dafür keine Lösung.

Frau Saubermann kam damals, anno 1967, langsam in die Jahre, die Jahre nämlich der so genannten „sexuellen Befreiung“, really, fast schon zum Ende ihrer Spielfilmkarriere, die in den 1960ern ja gerade eben noch auf Hochtouren lief. Man sieht hier, wie sie langsam auf der Leinwand zum Zeitgeist „unpassend“ wird, gerade weil sie in einem so eleganten Film Frontenüberschreiterin spielt. Man schaut denn auch eher auf die Bond-Girls und die extravagant durch sie ausgestellten DorisDay-Modenschau-Kleider, was das Werk auch mit Thomas Crown Affair (Jewison, 1968) verbindet – so fashionable war alles geworden zum Ende der 60s. Norman Jewison etablierte sich als Regisseur 1963 mit The Thrill Of It All und 1964 mit Send Me No Flowers zur produktiven Zeit der Kraftmaschine Kappelhoff.

Musik, sehr John-Barry-haft zu visuellen „Bond-Effekten“, hier von Frank De Vol.
DOP Leon Shamroy, 30 Jahre lang Chefkammeramann der 20th Century Fox, war bereits der Kameramann bei The Robe (1953), dem ersten CinemaScope-Film, hier hat er in gelungener Farbregie und stets öffnenden, recht kurzbrennweitigen, Raumtiefe erfassenden, weitwinkligen, dann auch wieder gewagten Proportions-Kompositionen diesen letzten originalen CinemaScope-Film gedreht, bevor in USA alles Panavision wurde. Dass er die Breite von CinemaScope wirklich beherrschte (auch durch seine Erfahrungen mit CinemaScope-55-Filmen und Todd-AO-Produktionen im 65mm-Negativformat), führt Caprice geradezu drastisch vor.

Das „Kalb“, um das es in dem Film geht, ist zudem psycho-aktive Asche für den damals aufkommenden Psychodelika-Markt weltweit, neben den Kosmetik-Multis mit ihren neuerdings global boomenden Geschäften samt humanen Optimierungsfantasien.
Die Filmerzählung setzt das interessanterweise in eins: Drogenhandel und globalisierte Distributionssysteme der Kosmetikindustrie, ja auch auf stofflich-chemischer Ebene im Verbrennen des Kosmetik-Puders als tarnender Rohstoff, sind hier kausal verwoben. Der „mad scientist“ ist Psychopath; der in beiden Branchen beheimatete „mastermind“ hingegen kommt in Gewändern und Manieren des weltläufig umherjettenden Gentlemen daher.

Wikipedia zitiert den Evangelischen Filmbeobachter: „Alles wie gehabt: Clowniges Sommersprossengesicht, Hollywood-Perfektion, nette Gags und Attrappenluxus.“

Attrappenluxus! – Der ist uns irgendwie abhanden gekommen. Die anarchische Weltsicht des Frank Tashlin hätte uns auch heute noch viel zu bedeuten. Wie viele „mad scientists“ und „Gentlemen“ laufen heute frei herum?

Ich finde, der Film hat seine Meriten im Zeigen der Schauwerte seiner Zeit und taugt darüber hinaus, gegen Ende der Kino-Karriere von Doris Day mit dem Abschluss des originalen CinemaScope-Zeitalters darin durchaus als Zeitdokument einer darin doppelt zu Ende gehenden Epoche. Dass die Hauptfigur (Patricia Foster) sich ihren Film, in dem sie gerade spielt, in einem Kino selbst anschaut… (um der Bestuhlungsreihen-Vorsitzerin des allseits im hintersten Eck knutschenden Kino-Balkons Haarlocken zwecks Beweismittelsicherung mit einer Schere abzuschneiden und daraufhin in wildem Begrapschen ihrer Person samt Fall über die Brüstung in einem männlichen Popcorn-Schoß des Parketts landet) …und die Leuchtreklame des Kinos zuvor beim Zuströmen des Publikums hinwärts in der Filmhandlung genau für diesen Filmtitel mit dem „echten“ Darstellernamen (Doris Day) wirbt, das war sehr neu als Metamedienreferenz-Joke für ein damals heraufziehendes Weltzeitalter des Medien, das noch wirklich überraschen wollte und das seinen Ort im Kino für das Kino hatte.

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