Thomas Elsaesser

Mit Thomas Elsaesser muss ich mich nach Rudolf zur Lippe nun von einem zweiten meiner wichtigen Lehrer in diesem Kalenderjahr verabschieden.

Mein persönliches Verhältnis zu ihm war stets spannungsreich, zuletzt überworfen.

Zunächst einmal inhaltlich.

Seine „Last Public Words“, festgehalten auf „digital video“ aus dem Auditorium heraus, in Peking, bei Youtube am 5. Dezember 2019 veröffentlicht:

Link: https://www.youtube.com/watch?v=w3eDUXs4P_M

Fine Grain Intermediate Materialen?

Wetgate-Kopierung?

Oxberry?

Optische Bank?

Blow Up?

Die ehemalige Handwerkskunst der Filmkopierwerke?

Hat’s nie gegeben?

Medienwandel wischt alles weg?

Sieg des Stärkeren und vermeintlich Besseren über das Schwache, Alte und das kuratorisch zu Pflegende?

Mir scheint, hier redet jemand von „Medienarchäologie“ und „Filmgeschichte“, ohne die blasseste Ahnung von deren technisch-materiellen Voraussetzungen und Grundlagen im geschichtlichen Werden und der Entwicklung dieser Weltkunstform — und noch dazu ohne Ahnung von den eigenen Prädispositionen in der Grundhaltung, die zu solchen Aussagen führt.

Ich hatte seine reflektorisch-esayistischen Geistesblitze zu den Lebensdarstellungen der Filmkunst in seinen Vorträgen und Texten einst sehr genossen; strukturell war er dafür mit einer Merkur-Uranus-Konjunktion prädisponiert: Aus dem identifzierten und ausgesprochenen Detail einen einsichtsvollen Weltkosmos zu erschaffen, also aus dem Besonderen eines Filmwerks oder eines OEuvres dann das aller Allgemeinste stringent und universalgültig intuitiv schlussfolgern zu können. Diese Fabulierkunst als Talent und strukturelle Anlage wollte ausgebildet und geschliffen werden. Er hat sein Leben dafür eingesetzt.

Alles wäre im ästhetischen Urteil nichts, ohne seine ästhetische Sensibilität: Sonne 1° Krebs, die Empfindlichkeit an sich, Quadrat Neptun 29°19′ Jungfrau, spröde und werknah, mit jeweils Halbquadrat auf Löwe Venus | Nördlicher Mondknoten, im gewinnend-angenehmen Lebensgenuss. Das geht wohl schlecht zusammen, mußte aber, irgendwie.

Mitte der 1990er-Jahre am „Europäischen Institut des Kinosfilms“ in Karlsruhe, ZKM/HfG-nah, habe ich seine dunkle charakterliche Seite allerdings gleich auch sehr zu spüren bekommen. Er hat die dunkle Zeitqualität seiner Geburtszeit im Jahr 1943 für sein Leben mitbekommen, abbekommen und auf seine Weise gelebt: Pluto Quadrat Nessus mit Konjunktion Saturn | Asbolus im Halbquadrat dazwischen, mit zusätzlichem Quadrat auf Chaos. In dieses Aspektbild greift das Sextil von Saturn|Asbolus auf die Konjunktion von Mars | Sedna | Varuna in Widder aus. Er sammelte schon damals internationale Gastprofessuren wie andere Leute Briefmarken und war besessen davon, eine möglichst große Sammlung davon aufzubauen. Und wenn er etwas nicht so bekam, wie er es wollte, dann waren Pluto, Nessus und Saturn aktiviert und schließlich auch involviert. Er konnte hoch-manipulativ sein, um sein Ding zu bekommen. Ich hätte schon damals bei ihm den „Überlebenskampf des Besseren“ wittern und benennen können, so vertraut als Seelennatur kam dieser einem vor, als zweite deutsche Natur, als Deutscher mit seiner Geschichte. Dumm nur, dass David Bordwell bereits den Stil-Begriff für sich und die junge Filmwissenschaft in den USA reklamiert hatte. Plagiator wollte er, hoch-originell im Denken, nie sein. So dachte er eben drumherum.

Je älter ich werde, desto angenehmer wird mir David Thomson als ferner Lehrer mit seinen Buchveröffentlichungen. Elsaesser musste Deutschland in Richtung UK verlassen, um den Siegeszug als Mr. Filmwissenschaft worldwide in der Anschauung anderer anzutreten. Thomson ging von UK nach San Francisco, weil man dort gelassen bleiben kann und trotzdem von seinem sozialen Umfeld höchst inspiriert wird. Bei Thomson kann man im übrigen auch nachlesen, dass die Gründung der akademischen Disziplin Filmwissenschaft wie der Beginn desjenigen Mediums, das darin reflektiert werden sollte, Wesensähnlichkeiten zeigt: Es war keine Alleintat, sondern verschiedene Tendenzen auf verschiedenen Kontinenten hatten vielschichtige Player beim ersten Erkunden von (akademischen) Möglichkeiten, die sich dann stetig verdichteten und verschränkten. Das scheinen mir die bisher veröffentlichen Nachrufe auf Elsaesser etwas vergessen zu haben.

Häufige Inter-Kontinentalflüge in anderes Klima sind in höherem Alter keine gute Idee, wie Jürgen Zimmer diesen Sommer in Thailand leider auch erfahren musste. Allerdings hätte man sich einen nicht überall als Gastprofessor feiern lassen wollenden Thomas Elsaesser auch in hohem Alter nicht vorstellen können.

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