Die vierte Ausgabe der „Chronologie der Magnetbandtechnik“ ist erschienen.

Im Herbst 2007 erschien das Buch „ZEITSCHICHTEN: Magnetbandtechnik als Kulturträger“, eine chronologische Abfolge von den ersten, schon erstaunlich präzisen Ideenskizzen von 1878 bis zum Stand der Digitalsysteme für die Ton- und Bildaufzeichnung nach der Jahrtausendwende. Zügig nach Vorlage der Erstausgabe wurde dieser Buchtitel binnen kürzester Zeit zu einem Standardwerk bei Medienhistorikern, Archiven, Museen und Restauratoren, bei den ehemals mit dieser Technik vertrauten Technikern und Ingenieuren in der Industrie und beim Rundfunk – und natürlich auch bei Fans und Sammlern von Magnetbandgeräten.

Die zweite und eine dritte Ausgabe (als e-book) folgten 2012 und 2013, jeweils deutlich erweitert. Intensive Recherchen brachten neue Erkenntnisse, neu erschlossene Quellen und Informationen erlaubten kleinere und umfangreichere Präzisierungen.

Richtig: das Zeitalter der Magnetbandspeicher ist im Großen und Ganzen vorbei. Eine Technik verschwindet aus dem Alltag, die ein halbes Jahrhundert in Rundfunk- und Fernsehanstalten, Film- und Schallplattenstudios dominierte oder sich bei wissenschaftlichen Expeditionen unentbehrlich gemacht hatte. Es war eine fruchtbare Symbiose von überwiegend aus chemischen Produktionslinien stammenden Informationsträgern und feinmechanischen Transport- und Laufwerken. Inzwischen haben vor allem Solid State Disks (SSD) in Milliarden von Smartphones und Tablets ihre Aufgaben übernommen.

Doch auf Magnetbändern wurde in dem halben Jahrhundert zwischen 1940 und 1990 ein beachtlicher Teil unseres kulturellen Erbes gespeichert, und das bedeutet letzten Endes: die Kenntnis der Geschichte wie der technischen Details dieser Träger darf nicht verlorengehen.

Das wird im konkreten Einzelfall spezifische Informationen erfordern, aber zunächst und zuallererst werden sich künftige Techniker, Archivare und Medienhistoriker einen Überblick über das gesamte Gebiet verschaffen müssen, um technische Zusammenhänge richtig ein- und zuordnen zu können.

Nach sieben Jahren legen Autoren und Verlag jetzt, im Sommer 2020, eine nochmals erweiterte und gründlich überarbeitete Ausgabe vor. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich im Internet mehr und mehr auch früher schwer zugängliche Publikationen finden, die oftmals aufschlussreiche Zusammenhänge offenlegen und damit weitere Präzisierungen ermöglichen.

Zudem wird der Informationsaustausch mit einschlägigen Sammlungen und Archiven erheblich vereinfacht. Die Autoren haben alle neu verfügbaren Fakten berücksichtigt, verarbeitet und so die Substanz des Buchs beträchtlich erweitert.

Dabei kamen bemerkenswerte, bislang kaum bekannte, Tatsachen zu Tage:

– dass Magnetband schon bald nach 1935 zur Aufzeichnung von Herztönen benutzt wird und damit sowohl die Diagnose erleichtert als auch die medizinische Ausbildung erweitert;

– dass aus AEG-Unterlagen, die der Portugiesische Rundfunk aufbewahrt hat, erstmals die Entwicklung des bekannten „Magnetophons Modell K 4“ in Details und Zeitablauf rekonstruiert werden konnte;

– dass der weltbekannte Dirigent Wilhelm Furtwängler zum ersten Nutznießer der Hochfrequenzvormagnetisierung wurde (dem ersten und insgesamt erfolgreichsten Verfahren der Dynamikausweitung in der Magnetbandtechnik), bis hin zu verschollenen Stereo-Aufnahmen von den Bayreuther Festspielen 1944;

– wie begeistert sich Jospeh Goebbels vom Magnetophon zeigt, insbesondere in der Stereo-Version, nicht zuletzt, weil diese „großdeutsche“ Erfindung alsbald weltweit die Aufnahmetechnik revolutionieren und damit ganz Europa seine Vorstellung von Rundfunk aufzwingen werde;

– dass er schließlich seinem „Führer“ zu dessen vorletztem Geburtstag 1944 ein Magnetbandgerät samt hochrangigen Musik-Aufnahmen schenkt;

– was im Steingeröll eines bayerischen Bergabhangs von den Magnetband-Aufnahmen übrig blieb, die der „Reichsautozug Deutschland“ von markanten Ereignissen zwischen 1936 und 1945 zusammengetragen hatte;

– wie der amerikanische Offizier Don R. Drenner im Herbst 1944 bei Radio Luxembourg komplette Magnetophon-Anlagen findet, sofort deren überlegene Qualität erkennt und die erste faktenbasierte Beschreibung des Magnetophons in den USA verfasst;

– und, weil auch die Magnetband-Geschichte seltsame und kuriose Episoden kennt: wie Eduard Schüller die Entwicklung des ersten praxistüchtigen AMPEX-Videorecorders behindert haben soll;

– das Abbildungs-Konvolut der AEG-Magnetophon-Typen nunmehr komplettiert werden konnte mit erst kürzlich entdeckten Aufnahmen der Magnetophon-Typen K 3 (in einer Sonderausführung als Doppelanlage) und K 5, einem Nur-Wiedergabegerät, auch als „Masterläufer“ in der ersten kommerziellen Duplizieranlage für Magnetbandaufnahmen eingesetzt;

– schließlich die Geschichte der mittelständischen „Technisch-physikalischen Werkstätten Eberhard Vollmer, Eßlingen am Neckar“, nach AEG-Telefunken der erfolgreichste deutsche Konstrukteur und Fabrikant von professionellen Magnetbandgeräten, und zwar anhand freundlicherweise von der Familie zugänglich gemachten Text- und Bildmaterials.

Dass alle aktuellen Informationen verarbeitet und so die Substanz des Buchs erweitert wurde, bestätigen auch einige Kennzahlen: gegenüber der ersten Ausgabe wuchs der Textumfang der ZEITSCHICHTEN um 22 % auf jetzt 772 Seiten, ebenso gab es mehr als 25 % Zuwachs bei den Abbildungen. Dieser Gewinn spiegelt sich auch in den Quellennachweisen wieder: die ursprünglich ca. 3.700 Quellen wuchsen auf 4.200 Belegstellen.

Die Autoren hoffen, mit ihrem Beitrag nicht zuletzt die Suche nach der Mehrzahl der Stereo-Aufnahmen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft aus der Zeit 1942 bis 1944 wieder zu beleben. Dass am Erhalt dieses – problematischen – Kulturerbes starkes Interesse besteht, zeigt die sorgfältige, hervorragend dokumentierte CD-Neuausgabe der Furtwängler-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 1940 bis 1945 im Jahr 2019.

Gut möglich, dass gerade Furtwängler-Interpretationen den Auftakt des Magnetband-Zeitalters sowohl prominent einleiteten wie auch, soweit heute abzusehen, dessen Abschluss in Form ihrer Digitalisate dokumentieren.

ZEITSCHICHTEN:
Magnetbandtechnik als Kulturträger.
Chronologie der Magnetbandtechnik und ihr Einsatz in der Hörfunk-, Fernseh-, Musik-, Film- und Videoproduktion.

Erfinder-Biographien und Erfindungen.

Vierte, erneut durchgesehene, aktualisierte
und stark erweiterte Neu- Ausgabe, 2020.

Erschienen als Band 9/4.2020 der Publikationsreihe „Weltwunder der Kinematographie – Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Film-und Medientechnik“. Herausgegeben von Joachim Polzer.

Juli 2020, 772 Seiten, rund 800 sw- und Farb-Abbildungen sowie Tabellen,
4.200 Endnoten.

Website:

http://www.zeitschichten.org

Erhältlich im BEAM ebook Store:

https://www.beam-shop.de/sachbuch/film-medien/633501/zeitschichten-magnetbandtechnik-als-kulturtraeger-vierte-ausgabe-2020-erweiterte-neuausgabe

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