Die Straßen von San Francisco

Eine Rezension der TV-Serie „The Streets of San Francisco“ (1972-1977)
von Kilian Mutschke

Die TV-Serie ist seit Juni 2022 auf ARD One als Retrospektive erlebbar mit Duoton-Ausstrahlung im englischen Originalton und in der deutschen Synchronfassung, werktags in der Regel zwischen 17.50 h und 18.40 h oder morgens zwischen 06.05 h und 06.55 h. Im Gegensatz zur DVD-Ausgabe liegt hier offenbar eine HD-Neuabtastung des Kameranegativs mit Restaurierung vor. [JP]

Man merkt gleich zu Anfang, dass die Chemie zwischen Malden (Detective Lieutenant Mike Stone) und Douglas (Inspector Steve Keller) einfach stimmt. Den beiden zuzusehen, wenn sie über Geld streiten oder das verdutzte Gesicht von Malden, wenn Douglas ihn mit Faktenwissen überrascht. Klar, Malden hat die Erfahrung, aber Douglas ist unglaublich belesen und so bilden die beiden Schauspieler ein unwiderstehliches Duo. Anfänglich nennt Malden seinen jungen Partner fast in jeder Szene „Buddy Boy“. Im späteren Verlauf der Serie, als die beiden Partner schon wahnsinnig viel durchgemacht haben, verzichtet Malden komplett auf die Bezeichnung.

Die Stadt San Francisco ist auch ein Star für sich in der Serie. Wahrzeichen kommen zwar vor, aber die Macher haben sich auch nicht gescheut, wenn es eben erforderlich war, die Stadt von ihrer hässlichen Seite zu zeigen. Aber natürlich hat man auch den Transformationsprozess beobachten können: Hochhäuser entstehen im Hintergrund, Infrastrukturprojekte befinden sich im Bau, alte Häuser werden abgerissen und durch neue ersetzt.

Die Gastschaupieler sind ein wichtiges Element in der Serie. Ich habe selten so viele bekannte Gesichter in einer Serie vereint gesehen. Veteranen (Ida Lupino, Joseph Cotten, Edmond O’Brien, um nur ein paar zu nennen) und hungrige Jungschauspieler (Tom Selleck, Nick Nolte, Don Johnson u. a.) geben sich die Klinke in die Hand.
Was ich aber herausragend an der Serie finde, ist der omnipräsente Humanismus. Malden wettert sofort gegen zynische Kommentare seiner Kollegen, selbst Schwerverbrecher werden mit Respekt behandelt und in der Serie werden immer wieder deeskalierende Methoden angewendet. Wenn geschossen werden muss, dann meistens in den Arm oder ins Bein, für Selbstjustiz gibt es keinen Platz.

Generell gefällt mir das an früheren Fernsehserien, dass immer noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschheit bestand, das wir als Zivilisation besser sein können und es auch sein müssen. „The Twilight Zone“ (1959-1964) ist ein gutes Beispiel für diese Haltung oder auch „Star Trek“ (1966-1969). Manche Leute würden bestimmt die Serien heute als altbackene Familienunterhaltung bezeichnen, ich empfinde sie jedoch als erfrischend, gerade wenn ich an unsere Gegenwart denke, die kalt und misanthropisch ist.
Ich möchte noch kurz auf drei Folgen eingehen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.

The House on Hyde Street (S01/E21): Drei Jungen brechen in ein großes Haus ein, was einem alten Exzentriker gehört. In dem Haus vermutet die Gruppe einen großen Schatz. Sie werden jedoch gestört und flüchten. Zwei Jungen schaffen es herauszukommen, einer bleibt aber zurück … Die Folge ist untypisch, da sie fast ausschließlich nur in einer Lokalität spielt. Dieses Haus ist jedoch fantasievoll gestaltet, Zeitungsstapel bilden ein Labyrinth, in der oberen Etage steht ein ganzer Oldtimer in einem Spielzimmer. Zudem versteht es die Folge auch Spannung aufzubauen, ich habe mich öfters an Hitchcock erinnert gefühlt, besonders an „Psycho“ (1960), da es um eine mysteriöse Figur in einem gruseligen Haus geht. Ich wollte die Folge nur erwähnen, weil sie kurios ist.

The Most Deadly Species (S03/E02): Eine rätselhafte Mordserie an Gangstern, die sich im Krieg miteinander befinden, erschüttert die Unterwelt der Stadt. Die Hinweise verdichten sich und Malden vermutet, dass es sich bei dem Täter um eine Killerin handelt. Douglas hingegen verfällt seiner neuen Nachbarin, die just zu Beginn der Morde bei ihm im Wohnhaus eingezogen ist… Die Folge ist schockierend, denn sie zeigt, dass Douglas, der sonst so analytisch denkt, bei der neuen Bekanntschaft liebesblind ist und so fast am Ende stirbt. Die Killerin wird aber im letzten Moment noch von Malden gestoppt. Die Folge lässt Douglas und den Zuschauer nachdenklich zurück. Für alle seine Qualitäten, die der junge Cop zweifellos hat, fehlt ihm letztlich doch die ganze Erfahrung seines älteren Kollegen und die damit einhergehende Menschenkenntnis.

The Glass Dart Board (S04/E02): Ein Scharfschütze richtet seine Waffe auf ein Hochhaus und fordert von der dort ansässigen Firma eine Million US-Dollar. Gleichzeitig wird ein Weggefährte von Malden, den er schon lange kennt, zum Captain ernannt. Dieser krempelt sofort den Polizeiapparat um, setzt auf den Einsatz von Computern und Modellen. Die Cops, die eher klassische Ermittlungsmethoden anwenden, sind schnell frustriert, gleichzeitig wird jedoch durch die Neuerungen ein potenzieller Verdächtiger gefasst… Die Folge ist bahnbrechend, da sie schon im Jahr 1975 den umfassenden Einsatz von Computern bei der Jagd nach Verbrechern vorausgesehen hat. Was ich auch super fand, dass der Captain nicht als Bösewicht oder Trottel dargestellt wird, sondern als Visionär, der sich in seinen Datenbanken und Modellen verliert. Er darf am Ende der Folge seine neuen Ansätze weiterverfolgen, aber in der Forschungs- und Planungsabteilung. Es ist ein versöhnlicher, ja geradezu hoffnungsvoller Abschluss, da die Serie eine Zukunft für technische Neuerungen in der Verbrechensbekämpfung sah, es jedoch noch Zeit für Verbesserungen brauchte.

Über vier Staffeln, die alle stark waren, hat mich die Serie enorm unterhalten, die Geschichten waren abwechslungsreich, doch dann kam der Bruch zu Beginn der fünften Staffel, Michael Douglas wollte seine Filmkarriere forcieren und so blieb von dem Duo nur Malden übrig. Richard Hatch (Inspector Dan Robbins), der als Nachfolger kam, musste einfach scheitern. Er stand einfach vor einer unlösbaren Aufgabe, zudem war er schauspielerisch nicht einmal halb so begabt wie Douglas und hatte auch nicht die richtige Arbeitseinstellung, jedenfalls hat davon Malden in seiner Autobiografie berichtet (Link habe ich unten eingefügt). So muss ich gestehen, dass ich das Ende der Serie schon herbei gesehnt habe, wobei die letzte Staffel immer noch hochprofessionell in Szene gesetzt wurde.

Back to the Streets of San Francisco (1992): Uninspirierter TV-Film, der nicht ansatzweise die Klasse der Originalserie erreicht, auch weil er die Stadt nicht als integralen Bestandteil der Handlung begreift. Diesmal steht eine ehrgeizige Polizistin im Fokus, die einen schwarzen Kollegen hat, beide wirken aber blass. Der Film ist einzig wegen Malden sehenswert, der als neuer Captain immer noch schauspielerisch überzeugt, jedoch seltsamerweise als Sexist gezeigt wird. Finde es enttäuschend, dass dieser einfühlsame Mann und Vater, der immer das Beste in allen Dingen gesehen hat, hier als starrsinnig gezeigt wird. Wahrscheinlich sollte seine Art für Konflikte mit dem neuen Duo sorgen, das ihn dann immer vom Gegenteil überzeugt. Schließlich war der Film als Pilot für eine potenzielle Neuauflage der Serie geplant. Ich rate dringend von der Sichtung ab.

Link-Empfehlung
(Auszug aus Maldens Autobiografie, erfrischend ehrlich und informativ):

https://karlmalden.jimdofree.com/die-strassen-von-san-francisco/karl-malden-%C3%BCber-dsvsf/

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